Pilgerwege

Jakobsweg von Tillyschanz nach Nürnberg

Von Dr. Walter Töpner
Oberpfalz
Die Landschaft zwischen Bayerischem Wald und Fichtelgebirge wartet mit zahlreichen Naturschönheiten auf. Alte Städte, berühmte Klöster, romantische Burgen und zahlreiche Spuren der Jakobusverehrung erwarten den Wanderer auf dem Jakobsweg durch die Oberpfalz. Im Mittelalter führte auch von Osteuropa ein Wegenetz der Jakobspilger über Deutschland und Frankreich nach Spanien hinein. Ein Teilstück zwischen Prag und Nürnberg ist der sog. Oberpfälzer Jakobsweg, der in Tillyschanz an der deutsch-tschechischen Grenze beginnt und vom Oberpfälzer Waldverein und dem Fränkischen Albverein durchgehend markiert wurde. Wenngleich die Oberpfälzer Route nicht in allen Teilen eine historisch verbürgte Pilgertraße ist, so führt sie doch auf gut ausgeschilderten Haupt- und Nebenwanderwegen durch touristisch noch unentdeckte und landschaftlich äußerst reizvolle Gebiete zu kulturell interessanten und geschichtsträchtigen Wegmarken der Jakobuspilgerfahrt. Als Höhepunkte sind hier die insgesamt acht Jakobskirchen in Fuchsberg, Willhof, Schwandorf, Ensdorf, Hohenburg und Sindlbach in der Oberpfalz sowie in Feucht und Nürnberg in Mittelfranken zu nennen, die sich längs des Weges wie an einer Perlenschnur aufreihen und allesamt Bezüge zu der Wallfahrt nach Santiago de Compostela vorweisen können. In vielen dieser Kirchen hielten seit dem Mittelalter traditionell die Menschen, die im böhmisch-bayerischen Raum unterwegs waren, fromme Einkehr. Von Nürnberg kann man verschiedene Anschlusswege wählen wie z.B. den Jakobsweg nach Rothenburg o.d.T., der auf Initiative des Heilsbronner Pfarrers Paul Geißendörfer vom Fränkischen Albverein ebenfalls als Wanderweg mit dem Symbol "Weiße Muschel auf blauem Grund" ausgeschildert wurde. 
Etappenübersicht: 
1. Tag: Von Eslarn bis Teuntz (21,5 km)
2. Tag: Von Teuntz bis Altdorf (20 km + 4 km Umweg)
3. Tag: Von Altdorf nach Schwandorf (22 km)
4. Tag: Von Schwandorf nach Ensdorf (16 km)
5. Tag: Von Ensdorf nach Kastl (30 km)
6. Tag: Von Kastl nach Sindelbach (21 km)
7. Tag: Von Sindelbach nach Feucht 
8. Tag: Von Feucht nach Nürnberg
Prolog
„Na, gehn’s auf’d Wanderschaft“ meint die junge Frau nachdem sie mit Kennerblick meinen gut gepackten Rucksack gemustert hat, den ich gerade im Abteil des Zuges von Nürnberg nach Weiden ihr gegenüber abgestellt habe. „Ja, ich will eine Woche zu Fuß durch die Oberpfalz gehen und zwar von der Grenze zu Tschechien bis nach Nürnberg“ gab ich ihr zur Antwort. „Reschpegd“, entfährt es ihr spontan, was soviel heißen sollte wie „alle Achtung“. Meine knappe Auskunft befriedigte sie aber offenbar nur teilweise, denn nach einer Weile bohrte sie weiter. Als ich in Weiden aussteige, um mit dem Bus nach Eslarn am Abend weiterzufahren, dem Ausgangspunkt meines Weges, der etwa 7 km von dem kleinen Grenzort Tillyschanz entfernt liegt, hatte die neugierige Frau mir alles über meine Person und meine Reisemotive entlockt. Von einem Jakobsweg in dieser Gegend hat sie zwar noch nie etwas gehört, aber das Ziel dieses Weges, das Grab des Apostels Jakobus in der nordspanischen Stadt Santiago de Compostela, das vor allem zwischen dem 10. und 15. Jahrhundert das Ziel unzähliger Pilger aus ganz Europa anlockte, war ihr durchaus geläufig. Sie wünscht mir zum Abschied viel Glück und wäre wohl gern ein Stück mitgegangen. Am Abend erreiche ich Eslarn mit dem Bus.

hinter Eslarn
hinter Eslarn
Jakobskapelle Fuchsberg Oberpfalz

1. Tag Von Eslarn bis Teuntz (21,5 km)
Am nächsten Tag breche ich frühmorgens auf. Es ist ein heißer Julitag und gleich hinter Eslarn muss ich zwei Täler queren. Über die langgestreckten Höhenzüge der dicht bewaldeten Ausläufer des Böhmerwaldes geht es bergauf und bergab durch Wald und Flur. Jedes Mal, wenn ich aus einem kühlen Waldstück heraustrete, öffnet sich vor mir eine weite Wiesenflur mit unbeschreiblich schönen Tal- und Fernblicken.  Der nächste Berg, der überwunden werden muss, liegt zum Greifen nahe und kündigt sich als neue Herausforderung an.
Bis zum Abend treffe ich nur zwei Menschen an, mit denen ich aber sofort ins Gespräch komme. Bei einem Rastplatz am Waldrand sitzt ein rüstiger Mann von 81 Jahren, der mit dem Fahrrad unterwegs ist und an seinem Lieblingsplatz Zeitungen liest. Er stammt aus dem Osten und verbringt hier regelmäßig seinen Urlaub. Er erzählt mir von seinem Sohn, der es noch zu DDR-Zeiten geschafft hat, offiziell ausreisen zu dürfen und sich seither aber nicht mehr bei ihm gemeldet hat. Weil der Sohn damals viel Englisch gelernt hat, vermutet der Mann, dass er nach Amerika gegangen ist. „Vielleicht hat er dort sein Glück gemacht“ meint er und lächelt, aber aus seinen Augen spricht eine tiefe Traurigkeit. Am Nachmittag holt mich am Berg eine junge Mountain-Bikerin ein. Sie hat schon rund 100 km heute zurückgelegt und wirkt dennoch recht frisch. Freundlich lächelnd spricht sie mich mitten im Wald an, nachdem sie mich an meiner Pilgermuschel am Rucksack als Jakobspilger erkannt hat. „Na bis nach Santiago is es ja noch a ganz schönes Stückerl“ meint sie mit einem Augenzwinkern. „Ich weiß, aber die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt“ antworte ich ihr.  Schließlich habe ich die ganze Tour ja schon einmal gemacht. Eine ganze Weile fährt sie so im leichten Berggang neben mir her, nur um ein bisschen mit mir zu plaudern. Nach der Mühe des Anstiegs folgt oben prompt die Belohnung: ein herrlicher Pausenplatz mit einem Panorama mit waldumsäumten Wiesen und mit Hügelketten in der bläuenden Ferne. Eine solche Tiefe der Landschaft habe ich nicht erwartet. Dann folgt der Abstieg durch ein Wiesental mit Wegerändern voller Wildblumen nach Wildenstein.  Insekten umschwirren mich mit seligem Brausen, und ich sehe Schmetterlinge leicht und lautlos von Blüte zu Blüte ziehen, während die Welt um mich in heißer Fülle zu vergehen scheint. Zum Abschluss des Tages mache ich noch eine schöne Bekanntschaft mit der Jakobskapelle in Fuchsberg. Von alten Kastanien beschattet schmiegt sich das inmitten der freier Landschaft gelegene Kirchlein unterhalb eines Haferfeldes an einen Hang. Sein Dach ist mit Schindeln gedeckt und trägt einen kleinen mit einer Zwiebelhaube geschmückter Dachreiter, der früher der den Abendfrieden einläutete. Hier fühlte sich jeder Pilger gut aufgehoben, wenn er nach der Hitze des Tages das kühle Kirchlein betrat und innen seinem Pilgerpatron begegnete, sei es als erfolgreicher schwertschwingender Kämpfer zu Pferd in der legendären Schlacht von Clavigo (844) gegen die Mauren in den Emporengemälden oder in den zahlreichen Statuen und Votivtafeln, die den Heiligen im Pilgerhabitus zeigen. Der Standort der Kapelle wird mit der frommen Legende in Verbindung gebracht, wonach ein Standbild des hl. Jakobus immer wieder vom Ort aus hierher gewandert sein soll. Nach diesem anstrengenden ersten Tag habe ich Sehnsucht nach einem herzhaften Essen und einem (?) Glas würzigen kühlen Bieres. Im gemütlichen Gasthof im nahen Teuntz finde ich beides und eine ordentliche Unterkunft dazu.

bei Rottendorf

2. Tag: Von Teuntz bis Altendorf (20 km + 4 km Umweg)
Heute gibt es wieder einen stahlblauen Himmel, der eine herrliche Fernsicht verspricht. In Rottendorf hat sich das Wirtshaus schon ganz gut auf Jakobspilger eingestellt hat, das sie auf einem Schild zur Einkehr anlockt. Auf der Anhöhe hinter dem Ort wartet wie bestellt auf mich der einzige Baum weit und breit, hier mache ich am Wegesrand Rast. Der Wind fächelt mir Kühlung zu, der Blick geht zurück das Wegeband, auf dem ich herkam. Tief geht von hier oben der Blick ins Land hinein und verliert sich der weiten Ferne. Kleine Hügel, von Wäldchen umkuschelt, erheben sich aus der Ebene, schmucke Dörfer mit roten Dächern leuchten von fernen Bergflanken oder aus Mulden hervor. Darüber das blaue Himmelsband mit Wolken, wie von Tiepolo hingetupft.
Als ich am Nachmittag vom Hochwald zur Jakobskirche von Willhof absteige, hält der Pilgerweg eine schwere Prüfung für meine Gelenke bereit, denn meine Trasse ähnelt eher einem steinigen Bachbett.  Am Rande des Schwarzachtals mit seiner üppig grünen Ufervegetation komme ich an einem Haus vorbei, wo ein älteres Ehepaar im Garten beschäftigt ist. Der Mann sieht mich an und bietet mir spontan eine Erfrischung an.  Bier oder Limo ?  Das Angebot ist verlockend, aber ich wähle die Limo.  Den Inhalt der gut gekühlten Flasche stürze ich durch meine ausgedörrte Kehle hinunter.  Lächelnd sieht er mir dabei zu.  Schon einmal habe er, so berichtet er mir, eine halb verdurstete Pilgergruppe getränkt.  Von seiner frühen Jugend an hat er in der Maxhütte schwere Arbeit verrichtet, als es in der Oberpfalz noch eine bedeutende Eisenindustrie gab. Unweit von hier liegt versteckt am Talrand das Jakobuskirchlein Willhof, das eine wichtige Wegmarke für die Pilger war. Beim Wasserwirt des Ortes kehrten sie ein. Vor dem Altar des aus Bruchsteinen erbauten romanischen Kirchleins knieten sie vor dem Bild ihres Heiligen nieder, der wie sie die Gestalt eines Pilgers angenommen hatte und in dem sie sich so wiedererkennen konnten. Die Marathon-Tour von Teuntz bis nach Irlach, die die meisten Pilger gehen, erspare ich mir. Jetzt ist es 17.00 Uhr von hier sind es noch 10 km. Jeder muss seinen eigenen Rhythmus gehen. Der Tag war hart genug und bis jetzt habe ich noch keine Blase. So ziehe ich auf der anderen Seite der Schwarzach gemächlich im Abendschatten am Fluß entlang nach Altendorf, das mich im Äbendsonnensschein begrüßt. Dort finde ich im Gasthof direkt neben der Kirche ein ruhiges Zimmer zu annehmbarem Preis.

Fresken in der Kirche von Mitteraubach
See bei Schwandorf Oberpfalz
St. Jakobus in Schwandorf

3. Tag : Von Altendorf nach Schwandorf (22 km)
Am Morgen kehre ich zur alten Route zurück und gehe durch helle Kiefernwälder über den nächsten Berg nach Mitterauerbach, dessen freskengeschmücktes Kirchlein trotz seiner wertvollen Ausstattung geöffnet ist. Die Gewölbe im Chor sind reich mit Freskenmalereien geschmückt, die um das Jahr 1500 geschaffen wurden und auf 28 Gewölbefeldern ganzfigurige Engel zeigen, die beten, musizieren oder Weihrauchfässer schwenken. Vor Schwandorf führt der Weg von den Höhen der Oberpfälzer Berge weit herunter in ein Weihergebiet in der Ebene um Schwandorf, wo die letzten mit EU-Geldern geförderten Rückzugsgebiete für seltene Vogelarten wie der Rohrdommel liegen. Naturrefugien wie diese haben aber ihren Preis. Von Schnakenattacken gepeinigt erreiche ich am Abend völlig zerstochen die Jakobusstadt Schwandorf und kehre im Gasthof Schmitt Brauerei am Marktplatz ein, wo man für Wanderer und Pilger noch ein preiswertes Quartier unter dem Dach bereithält.  An warmen Sommerabenden wie heute spielt sich das Leben im Freien ab; der halbe Marktplatz ist dann mit Tischen der Cafes und Kneipen gefüllt, derweil der hl. Jakobus von seiner Nische am Kirchturm das südliche Flair des mit Giebelhäusern gesäumten Platzes freundlich herunterblickt. Episoden aus dem Leben des Kirchenpatrons, vor allem seine Berufung am See Genezareth und sein Martyrium durch Enthauptung im Jahre 33 n. Chr. sind auf dem neugotischen Altar im Nazarenerstil in der Jakobskirche dargestellt.

Weg wie in der Meseta
bei Endorf

4. Tag : Von Schwandorf nach Ensdorf (16 km)
Anderntags führt der Weg ein Stück am Ufer der Naab entlang. Ich genieße die Stille dieser unberührten Flussauen wie die Angler, die gelassen auf einen großen Fang warten. Der Weg zum Jakobskloster Ensdorf führt mich über eine Getreidehochfläche, die mich an die spanische Meseta erinnert, jene trockenheiße Steppe um Burgos herum, wo in der Weite der endlosen Kornfelder schon mancher Pilger der Mut verlassen hat. Ich verliere hier zum Glück nur die Markierung, gehe falsch und habe Mühe, mich zurecht zu finden. Im Wirtshaus bitten mich am Abend die neugierigen Stammgäste zu ihrem Tisch, damit ich ihnen etwas von meinem Weg zu erzähle. Der Fremde ist manchmal so interessant wie die Tageszeitung.  Sie staunen nicht schlecht über meine früheren Reiseerlebnisse auf dem Jakobsweg von Köln nach Santiago de Compostela. Vom ihrem Jakobsweg hierzulande kennen sie immerhin ein bis zwei Etappen.  Vor dem Nachhausegehen legen sie mir noch den Besuch der Klosterkirche an Herz.  Die dürfte ich auf keinen Fall versäumen, weil sie doch dem großen Pilgerheiligen geweiht sei.. Die barocke Wandpfeilerkirche ist wirklich ein Kleinod ersten Ranges, in dem berühmte Künstler wie die Gebrüder Asam wirkten, die in einer dramatische Bilderfolge Szenen der Jakobslegende geschildert haben.
Am frühen Morgen steige ich den steilen Prozessionsweg durch den Kastanienwald zur Kapelle der Vierzehn Nothelfer auf den Eggenberg hinauf. Ein Brunnen und schattige Bäume begrüßen die ankommenden Wallfahrer. Über der alten Pilgerstätte, die auf ein Baumbild zurück geht, liegt eine wunderbare Waldesstille.  Seit Tagen bin ich jetzt mit mir allein unterwegs und vergesse Ziel und Zeit. Das tiefe Atmen während des Gehens ersetzt die Gedanken und das Spiel des Lichtes in den Zweigen der Bäume wird zur reinen Lebensfreude. Die Pause am Waldweiher im Taubenbachtal beim gleichnamigen Forsthaus lässt mich alle Mühsal vergessen: Fische springen, Entenfamilien laufen geschäftig über den Weg und auf dem Wasser prangt ein Teppich voller Seerosen. Gegen Mittag steige ich in das Lauterachtal ab. Eine neue Landschaft tut sich auf: der Fränkische Jura. Die Wacholderheiden an den Flanken des Flusstales und die Kalkfelsen nehmen mich gefangen.  Vor mir liegt eine Talwanderung am Flussufer bis Kastl, die große Naturschönheiten und kunstgeschichtliche Höhepunkte zu bieten hat, sei es die Wallfahrtskirche von Stettkirchen, ein Juwel des Barock, die Jakobuskirche in Hohenburg oder die gotische Kirchenburg St. Michael hoch über dem Tal bei Allersburg. In der Jakobsstadt Hohenburg hat man an der Brücke ein Denkmal errichtet, das einen Jakobspilger mit Hut, Stab, Pilgertasche und wehendem Mantel zeigt, wie er in großen Schritten von dannen eilt, den Blick vorwärts nach Santiago gerichtet. Die Sonne steht schon tief, als ich Kastl erreiche. Frühmorgens steige ich zur Klosterburg hinauf, um mir vom Pfarrer einen Stempel zu holen.  Der ist selbst begeisterter Pilger und will im nächsten Jahr den spanischen Weg gehen.  Er nimmt sich viel Zeit, um mir die romanische Kirche zu zeigen und alles zu erklären. Am meisten beeindruckt mich, als er mir ein unscheinbares Freskogemälde des Antlitzes Christi zeigt, das frappierend mit den Gesichtszügen des Turiner Grabtuches übereinstimmt. Ob die Pilger von diesem Geheimnis wussten?
Im nächsten Ort Sindelbach wartet wieder eine Jakobskirche auf mich. Kein Wunder, dass der Heilige der Pilger und Kaufleute hier verehrt wurde, zog doch einst durch Sindelbach die alte Reichstraße von Nürnberg nach Amberg.

Wegkreuz bei Kastl
Kastl

Wegkreuz bei Kastl

7. Tag :  Von Sindelbach nach Feucht 
Über Gnadenthal, wo einst ein berühmtes Birgittinnenkloster stand, das im Dreißgjährigen Krieg von den Schweden verwüstet wurde führt mich anderntags der Weg in das Naturidyll des Schwarzachtales. Zuvor besuche ich noch die romanische Pfarrkirche St. Michael von Rasch aus dem 12. Jh.  Den schweren Quadern des Turms hat man ein luftiges Fachwerkgeschoß aufgesetzt.  In unruhigen Zeiten begab sich die Bevölkerung in den Schutz der hohen Mauern der einst wehrhaften Kirchenburgen, von denen es im Nürnberger Umland noch viele zu sehen gibt.  Irgendwann muss ich dann wieder aus dem stillen Paradies-Tal heraus steigen, um nach Altenthann zu kommen.  Meine Wasservorräte sind aufgezehrt, völlig verdurstet komme ich dort an.  Eine Frau, die gerade mit dem Besen die Treppen vor dem Haus kehrt, bitte ich um etwas Leitungswasser für meine Wasserflasche.  Sie bringt mir stattdessen zwei Flaschen Sprudel.  Dass ich ein Jakobspilger bin, hat sie gleich an der Muschel gesehen, gesteht sie mir.  Die gute Frau ist eine der wenigen Gläubigen katholischen Glaubens im Ort, aber sie hat den Schlüssel für die Kirche, wo sie nach dem Rechten sieht.  
Von dem wenige Kilometer entfernten Marktort Feucht, der bereits 1190 eine St. Jakobskirche besaß, ist es noch eine Tagesreise zu Fuß zu der alten Reichsstadt Nürnberg. Dort suche ich als erstes die heute evanglische St. Jakobskirche auf, die einst am östlichen Stadttor lag, und ein Sammlungspunkt für Pilger war.  Zwei hölzerne Pilgerstäbe, Zeichen der Pilgerschaft und Symbole für das irdische Leben, sind zu Türöffnern umgestaltet worden.  Eine große farbig bemalte gotische Sandsteinstatue des hl. Jakobus, begrüßt innen wie eh und je die ankommenden Pilger.  Lebensnah in Pilgerkleidung steht der große Pilgerheilige plötzlich vor mir, mit einer großen Muschel in der rechten Hand und blickt mich mit großen Augen an.  In diesem Augenblick erlebe ich diesen Jakobus als ein Zeichen der Kontinuität des Weges und der Hoffnung, dass die Verbindung des Gestern mit dem Heute gelingen möge.  Der Pilger ist ein Mensch auf dem Wege.  Er geht einem Ziel entgegen, das er am Ende seines Pilgerweges zu finden erhofft.  Ein Sinnsuchender ist er, mit beiden Beinen fester mit dem Diesseits verbunden, als mancher, der ohne diese Weg-Erfahrung lebt.  Dass ich den Weg gemeistert habe ist für mich nicht so wichtig, aber die Erfahrung, dass der Weg mein Meister war, bedeutet mir viel.  Das Lächeln auf den Gesichtern der Menschen, mit denen ich sprach und die mir geholfen haben, zählt zu meinen schönsten Erlebnissen.  Ach ja, Santiago liegt noch sehr weit weg von hier.  Aber manchmal kann der Weg auch schon das Ziel sein.


Literatur
Auf dem Jakobsweg; Von Tillyschanz über Schwandorf nach Nürnberg, Hrsg.: Fränkischer Albverein, 1. Aufl. 1997, Verlag Seehars.

 
Fortsetzung des Wege nach Westen zur Via Lemovicensis:
(ab Nürnberg): Auf dem Jakobsweg. von Nürnberg über Heilsbronn nach Rothenburg o.d.T., Fränkischer Albverein.


(ab Köln/Metz): Walter Töpner, Wege der Jakobspilger- Band 2.-Rheinland,Eifel,Lothringen, Burgund, Paulinus Verlag, Maximineracht 11c; 54295 Trier,ISBN 3-7902-1310-1


(ab Vézelay): Walter Töpner, Wege der Jakobspilger- Band 3.-Burgund, Berry, Limousin, Périgord, Landes, Pyrenäen, Paulinus Verlag, Maximineracht 11c; 54295 Trier,2008,ISBN 978-3-7902-1308-9

 
Fortsetzung des Weges nach Süden zur Via Podiensis:
(ab Würzburg) Baierl, E., Dettling, W., Högler, P., Rebele, J.. - Auf dem Jakobsweg. von Würzburg über Rothenburg nach Ulm. (DEU. Uffenheim, Seehars. 2004), Fränkischer Albverein.