Pilgerwege

Vom Camino del Norte zum Wallfahrtsort Santo Toribio de Liébana

Pilgern nach Santo Toribio de Liébana – unterwegs auf einem bedeutenden lokalen Pilgerweg in Spanien

Von Santo Toribio de Liébana hatte ich noch nie vorher gehört. Erst durch das Pilgerfo­rum im Internet habe ich Anfang 2006 davon erfahren. Wer weiß schon, dass dieses Kloster, dieses Kleinod, das sich in Nordspanien am Rande der Picos de Europa befindet, sich in den Reigen der christlichen Pilgerorte einreihen darf, die vom Papst das Recht erhalten haben, ein Heiliges Jahr auszurufen? Neben Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela ist Santo Toribio ein wichtiges Wallfahrtsziel vieler Christen, ganz besonders in den Jahren, die Heilige Jahre sind. Das ist in Santo Toribio immer dann der Fall, wenn der 16. April, Festtag des Hl. Toribio, auf einen Sonntag fällt. Vom 16. April 2006 bis 16. April 2007 ist nun wieder ein Heiliges Jahr eröffnet. Die Pilger durchschreiten die „Puerta del Perdón“ und können das „Lignum Crucis“, ein reich verziertes Kreuz, in dem, so wird gesagt, das größte Stück vom Kreuze Christi aufbewahrt wird, verehren und einen Teil dieser Kreuzreliquie auch berühren.
Pilger erhalten außerdem eine Pilgerurkunde, wobei mir nicht bekannt ist, ob nur die wenigen Fußpilger, die dort ankommen, oder auch die Massen Buspilger eine Urkunde erhalten. Die Urkunde gibt Zeugnis darüber, dass man im Heiligen Jahr in Santo Toribio war. Die Pilgermesse, die im Heiligen Jahr täglich um 12:00 Uhr gefeiert wird, war ein Erlebnis, gleichzeitig Höhepunkt und Abschluss meiner Fußpilgerreise, die in Bilbao, der einzigen Stadt Spaniens, deren Patron Santiago ist, begann.

Mein Weg führte mich von Bilbao meist an der Küste entlang über den Camino del Norte bis nach San Vicente de la Barquera. Dieses Wegstück verläuft landschaftlich sehr schön, auf der einen Seite mit Ausblicken auf das Meer mit seiner Steilküste und auf der anderen Seite auf die Berge, immer wieder durch erfrischende Eukalyptuswäl­der, über langgezogene Sandstrände, mit zwei außergewöhnlichen Fährüberfahrten – der Pilger kann, wenn er mag, auch die Buchten zu Fuß umrunden - ohne nennenswerte beschwerliche Anstiege. Die hat man, so die Pilger, die mir begegneten und die bereits in Irun begannen, in Bilbao bereits hinter sich. Dafür strengte auf dem von mir begangenen Wegstück zuviel Asphalt die Füße an, entweder auf kleinen Straßen oder auf Pisten, und häufiger Verkehrslärm begleitete und schmälerte etwas das geruhsame Pilgererlebnis. Die Pilger kommen in Sporthallen, Gemeindeherbergen oder auch Pilgerherbergen unter, von denen zumindest zwei Pilgerherbergen wegen des Heiligen Jahres in Santo Toribio geöffnet bzw. erweitert wurden. Diese befinden sich in Cóbreces im Zisterzienserkloster und in San Vicente de la Barquera neben der Kirche Santa María de los Ángeles. Ob bzw. ob in dieser Weise die Herbergen auch nach dem Heiligen Jahr weitergeführt werden, konnte man mir noch nicht sagen. Der Weg zwischen Bilbao und San Vicente de la Barquera ist nicht durchgängig gut markiert. Da heißt es des Öfteren gut aufpassen oder nachfragen, trotz Outdoor-Pilgerführer.
Anders dagegen der Pilgerweg nach Santo Toribio de Liébana, ausgehend in San Vi­cente de la Barquera. Gemeinsam mit dem Camino del Norte verlässt der Pilgerweg nach Santo Toribio diesen hübschen, zwischen zwei Meeresarmen auf einer Halbinsel gelegenen Ort. Die Wege trennen sich dann nach ungefähr 5 km. Der Pilgerweg nach Santo Toribio ist durchgängig markiert mit gelben Pfeilen und teilweise mit Wegweisern versehen. Ungefähr 60 km darf der Pilger zurücklegen, wovon die ersten 25 km meist über (wenig befahrene) Landstraßen führen, doch die restlichen Kilometer über Berg­pfade, Wege, Weiden, durch Wälder, Bergdörfer, über zwei Pässe und durch eine immer spektakulärer werdende Berglandschaft. Nach der ersten Etappe übernachtete ich in Quintanilla de Lamasón. Es bietet sich eigentlich nur diese Möglichkeit an, die nächste Alternative wäre mindestens 9 km weiter. Und das, so hatte ich den Eindruck, kommt den wenigen Fußpilgern nicht zugute.

In diesem hübschen Bergdorf gibt es nur eine Pension. In der ich mit derart wenig Aufmerksamkeit bedacht wurde, was mir auf allen bisherigen Wegen in Spanien nicht passiert war. Weitere vier spanische Pilgerinnen übernachteten an diesem Tag dort, mit ihnen konnte ich mir schlussendlich ein Appartement teilen, sodass die Kosten im Rahmen blieben. Vorher hatte ich versucht den Pfarrer aufzufinden, der Pilger, laut Outdoorführer, in der Kirche schlafen lässt, was mir lieber gewesen wäre, als diesen unfreundlichen Wirtsleuten Geld zu geben. Aber leider befand er sich just an diesem Tag in Madrid, sodass ich, zähneknirschend, doch in die Pension wechselte. Die Spanierinnen gingen am nächsten Tag direkt nach Santo Toribio (ca. 33 km), doch ich entschloss mich, nur bis Tama (ca. 25 km), wo es eine Jugendherberge gibt, meinen Weg fortzusetzen. Dieser Tag wurde äußerst anstrengend, wie schon weiter vorne beschrieben, wurden zwei Pässe überwunden und dementsprechend waren auch die An- und Abstiege. Dafür wurde ich mit einer beeindruckenden Bergkulisse, mit absoluter Einsamkeit und mit dem Anblick von Gänsegeiern belohnt, dich sich im Aufwind über einem Pass langsam nach oben in den Himmel schraubten. Dieser majestätische Anblick wird mir sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben.

Wie im Pilgerführer beschrieben, wählte ich auf dieser Etappe die Abkürzung durch die Hermida-Schlucht, ein Naturerlebnis sondersgleichen. Allerdings nicht ganz ungefähr­lich, wie die kleinen Kreuze entlang der schmalen, stark befahrenen Nationalstraße be­zeugen. Endlich in Tama angekommen, war ich ziemlich erschöpft und stärkte mich erstmal in einem Restaurant, bevor ich zur Jugendherberge ging. Dort hatte ich Glück, denn laut Herbergsvater kann man eigentlich im Sommer nicht ohne Reservierung dort übernachten, weil normalerweise die Herberge mit Jugendgruppen, auch aus dem Ausland, belegt ist. Doch waren die Jugendlichen kurz vorher zu einem Ausflug abge­reist und wurden erst am nächsten Tag zurückerwartet. So konnte ich eine der Holz­hütten für mich alleine belegen. Und erlebte dort, beim Öffnen der Fensterläden, ein weiteres Naturspektakel. Nach vorne schaute ich direkt auf die karstigen Picos de Eu­ropa und nach links auf ein anderes, ferneres Gebirge, das noch Schnee auf den Gip­feln trug. Der Herbergsvater erzählte mir, dass in diesem Tal ein Mikroklima herrsche und daher Pflanzen dort wachsen, die normalerweise im Norden nicht zu finden sind. Weiter wusste er Geschichten zu erzählen von Bären, die im September in die Nähe kommen wegen einer besonderen Beerenart, von Wölfen, die dort leben und von Gänsegeiern und Adlern, die Lämmer greifen. Abends wurde die Hütte von einer gra­senden und blökenden Schafherde umringt.

Die Geschichten und Erlebnisse dieses Tages wiegten mich in einen frühen, sehr erholsamen Schlaf, von dem gestärkt ich mich am nächsten Morgen auf den Weg nach Potes und Santo Toribio machte, dabei warm eingepackt, da es trotz der vielversprechenden ersten Sonnenstrahlen, die die Bergspitzen der Picos in orangefarbenes Licht tauchten, sehr frisch war. Diese letzten ca. 8 km folgten dem Bachlauf, führten vorbei an Wiesen, die nach frischem Heu dufte­ten, begleitet von Sonne und einem schon beinahe berauschenden Blick auf die Berge. In Potes, einem wunderhübschen Bergdorf und Touristenmagnet, frühstückte ich bevor ich den schweißtreibenden Aufstieg nach Santo Toribio wagte. Dort, wo man von Potes kommend in die Bergstraße nach Santo Toribio abbiegt, trifft man ihn, den bronzenen Pilgersmann, mit Stock, Kalebasse und Rucksäckchen. So zünftig ausschreitend, moti­viert er zum letzten Anstieg.
Das Eintreffen in Santo Toribio, das Zusammentreffen mit einzelnen Fußpilgern, die Massen Buspilger, der gemeinsame Einzug mit Gesang und Gebet durch die Puerta del Perdón in die übervolle Pilgermesse, der schlichte, in sanf­tes Licht getauchte Innenraum der Kirche, das Bestaunen und Berühren des Kreuz­fragmentes, all das wurde zum Höhepunkt meiner elftägigen Fußpilgerreise, begonnen in Bilbao, diesem Moloch, dem ich gerne entflohen bin um auf Jakobswegen wieder zu mir zu finden.
Als die Buspilger nach der Messe abgereist waren, kehrte Ruhe ein. Ich saß dort oben auf einer Mauer, schrieb Postkarten, genoss die Sonne, den Wind und den Blick auf die Berge und spürte, dass ich wieder einmal angekommen war.

Mai 2006
Ulrike Bruckmeier

Anmerkungen:
Man kann nicht nur von San Vicente de la Barquera nach Santo Toribio de Liébana pil­gern, sondern es gibt verschiedene (Pilger)wege dorthin. Diese sowie Informationen zum Kloster von Santo Toribio findet man auf dieser spanischen Homepage:

www.cantabriajoven.com/camaleno/santotoribio/jubileo.html

Die folgende spanische Homepage gibt Auskünfte über die Herbergen (im Heiligen Jahr/„Año Lebaniego“). Wenn man also nicht in Tama übernachten will oder kann wie ich, dann findet man Herbergen in Cabañes (wo normalerweise der Weg nach Santo Toribio verläuft, wenn man nicht die Abkürzung durch die Hermida-Schlucht nimmt) und in Potes. Aber wie gesagt, ob die Herbergen auch über das Heilige Jahr hinaus bestehen, ist mir nicht bekannt:

www.cantabria2006.es/antiguaweb/albergues_jubileo/Red_Albergues.html

Pilger, die den Camino del Norte gehen und lieber einen Abstecher mit dem Bus nach Santo Toribio unternehmen möchten, können dies täglich, hin und zurück, zumindest ab San Vicente de la Barquera tun.
Ursprünglich hatte ich geplant, meinen Pilgerweg ab Santo Toribio fortzusetzen durch die Picos de Europa, auf Nebenrouten zum Jakobsweg, bis nach Oviedo, um dort auf den „Camino Primitivo“ zu treffen. Über all diese Nebenrouten gibt der Outdoor-Führer „Nordspanien: Jakobsweg Alternativroute“, Bd. Nr. 141, Auskunft. Ich beendete jedoch meine Pilgerreise in Santo Toribio, um noch einige Tage in einer Pilgerherberge auszu­helfen.