Pilgerwege

Von St.-Jean-Pied-de-Port nach Santiago de Compostela - Eine Ermunterung

Pilgern auf dem Jakobsweg in Spanien

Persönlicher Erfahrungsbericht einer Pilgerwanderung nach alter Tradition
800 km zu Fuß in 32 Tagen von St. Jean Pied de Port bis Santiago de Compostela

Anstoss

„Kennst Du den Jakobsweg?“ fragte ich meinen Freund Josef. Wider Erwarten antwortete er: „Ja, den kenne ich. Das ist doch der 800 km lange Pilgerweg in Spanien. Da war doch gerade ein interessanter Bericht im Fernsehen.“ „Wollen wir den mal in einem Stück laufen?“ „Interessant wäre das schon, aber schaffst Du das? Und seit wann interessierst Du Dich für‘s Pilgern?“  „Über die Länge der Etappen können wir reden“ antwortete ich. „Ich denke, es wird für mich höchste Zeit, etwas Abstand zum permanenten Berufsstress zu bekommen, sonst steht mir der nächste Herzinfarkt bevor. Vor allem habe ich das Bedürfnis, unserem Herrgott für unser bisheriges Leben zu danken und für meine Familie seinen Segen zu erbitten. Dies möchte ich mit einer besonderen Leistung vollbringen, wie z.B. den Jakobsweg gemäß Tradition zu Fuß in einem Stück zu gehen mit Übernachtung in den einfachen Pilgerherbergen.“ So begann für uns im Herbst 99 das Abenteuer Jakobsweg.

Vorbereitung
Zunächst erkundigten wir uns beim Pfarramt St. Jakobus nach Informationsmaterial zum Jakobsweg. Auf unser Ansinnen war man nicht vorbereitet, doch hilfsbereit versprach man, sich um unseren Wunsch zu kümmern. Ein paar Tage später kam ein Telefonanruf mit der Empfehlung, uns an die Fränkische St. Jakobus-Gesellschaft Würzburg zu wenden. Nach der Kontaktaufnahme wurden wir gebeten, an einem Treffen der Gesellschaft in Würzburg teilzunehmen und persönlich alle offenen Fragen zu besprechen. Gemeinsam mit unseren Frauen wollten wir mehr Hintergrund-informationen über den Jakobsweg zu erhalten.

Wir erfuhren, dass ganz Europa mit einem Netz von Jakobswegen überzogen ist, der Hauptweg sich aber in Frankreich und Spanien befindet. Alle Mitglieder der Jakobsgesellschaft, mit denen wir sprachen, waren begeistert vom „El Camino“ (der Weg) – wie er im spanischen Volksmund heißt.. Manche waren bereits 6x und mehr die 760 km von St. Jean Pied de Port bis Santiago de Compostela gelaufen. Mit leuchtenden Augen erzählten sie vom Jakobsweg. Diese Pilgerreise muss doch was Besonderes sein! Als praktischer Pilgerführer wurde uns das Buch von Millán Bravo Lozano mit den herausnehmbaren, gut beschriebenen Tagesetappen empfohlen. Internet-Adressen anderer Jakobus-Gesellschaften kamen dazu. Die beste Pilgerzeit  wäre April bis Juni. Danach würde es zu heiss sein. Tipps zur Grundausrüstung folgten. Der Rucksack sollte nicht schwerer als 12 kg sein, Schlafsack und Regencape sind Pflicht etc. Einen Haselnußstab sollten wir jetzt körpergerecht schneiden, damit er bis zu unserem Start ausgetrocknet und damit leichter ist. Der Stab diene nicht nur der Abwehr von angriffslustigen Hunden, sondern vor allem dem Abstützen am Berg. Auch ein Handy wäre für Notfälle eine gute Sache.

Als wichtigstes Utensil wurde uns der Pilgerausweis, das Credencial, ausgestellt. Dieser wird in jeder Pilgerherberge abgestempelt. Nur mit diesem Ausweis ist es möglich, kostenlos in der Pilgerherberge – „Refugio“ genannt – zu übernachten. Empfohlen wird, eine kleine Spende von 500 Pts (ca. DM 5.-) für Instandhaltungsmassnahmen zu geben.

Darüberhinaus dient das Credencial als Beweis für die Ausstellung der „Compostela“ am Ende der Pilgerwanderung. Dies ist das Zeugnis, das im Pilgerbüro in Santiago de Compostela gemäss einer aus dem 14. Jahrhundert stammenden Tradition all den Pilgern ausgestellt wird, die mindestens 150 km zu Fuß auf dem Jakobsweg zurückgelegt haben.

Nach diesen ausführlichen Gesprächen waren wir von der Machbarkeit unseres Vorhabens überzeugt. Wir wussten nun, welche Ausrüstung, speziell Kleidung, wir für unsere Pilgerwanderung benötigten. Wir sollten aber an unserer körperlichen Ertüchtigung noch etwas arbeiten. Als sogenannter „Büro-Arbeiter“ sind mehr als 20 km am Tag für mich ungewohnt. Josef dagegen wandert regelmässig, auch schon mal 40 km am Stück. Es standen bei der Volkshochschule Miltenberg 2 Wanderungen um die 25 km an. Kein Problem für uns. Danach nahmen wir an der Marathonwanderung des SV Riedern teil. Die ca. 40 km waren auch keine grosse Herausforderung. Praktisch kein Gepäck, schönes Wetter und angenehm zu laufen. Wir fühlten uns optimal gerüstet – welch ein Trugschluß! Das waren alles Spaziergänge im Vergleich zum Jakobsweg bei Schlechtwetter.

Als Termin nahmen wir uns vor: Anfang April bis Mitte Mai. Während Josef frei in der Terminwahl war, hing der Start nur noch von meinen beruflichen Verpflichtungen als Unternehmer ab. Die Termine liessen sich verschieben. Überraschend war das Interesse meiner Geschäftspartner am „El Camino“. Für alle Fälle brachte mir meine Tochter noch SMS bei – das Faxen per Handy. Das sah später als Message so aus: RABANAL OK NOCH 233 KM. Da unsere Frauen eine Kopie unserer Tagestouren hatten, wussten sie somit, ihre Männer befanden sich nun in RABANAL DEL CAMINO, waren gesund, hatten keine Probleme und 233 km lagen noch vor ihnen. Überraschend war, dass unser Handy mit SMS überall auf dem Jakobsweg funktionierte – selbst in den abgelegensten Pilgerherbergen!

Aufbruch

Am 09. April 2000 war es soweit. Familie und Freunde fanden sich zum Abschied nachmittags am Bahnhof Kleinheubach ein. Alles Gute wurde uns gewünscht, Ratschläge folgten, eine letzte Umarmung, ein paar Augen wurden feucht. Einer prophezeite: Wenn es regnet, gebt Ihr nach 3 Tagen auf. Wir lachten und versprachen, nach einer Woche zu entscheiden, ob wir weiterpilgern wollten. Wir stiegen ein, winkten noch einmal und die Anreise begann. Im Zug beschlossen wir, uns Bärte stehen zu lassen, damit wir bei der Rückkehr wie echte Pilger aussähen. Über Paris fuhren wir mit dem Nachtzug nach Bayonne und erreichten unseren Startpunkt um 10:00 Uhr in St. Jean-Pied-de-Port – im Regen!

Wir schnallten die Rucksäcke um, zogen Regencapes über, nahmen frohgemut den Pilgerstab in die Hand und los ging‘s! Wir sahen die schneebedeckten Berge und entschlossen uns – wegen möglicher Unsicherheiten bei der Wegmarkierung – die sichere Variante über die Landstrasse zu gehen. In dem kleinen Städtchen fanden wir keinen Hinweis, wo wir in den Jakobsweg einsteigen könnten. Ich fragte zwei Rentner, schwarz gekleidet mit Baskenmützen. Zuerst auf Englisch, dann gebrochen auf Französisch und auf Spanisch. Keine Reaktion! Die beiden drehten uns demonstrativ den Rücken zu und wollten anscheinend nichts mit uns zu tun haben. Das fing ja gut an! Gott sei Dank blieb es bei dieser einen fehlgeschlagenen Kontaktaufnahme. Später waren alle Angesprochenen freundlich und hilfsbereit.

Von einem jungen Mann bekamen wir doch noch den Hinweis, welche Straße wir nehmen sollten, um über die Berge zu unserem ersten Etappenziel, dem Kloster Roncesvalles, zu gelangen. Auf der Straße kamen wir zügig voran, doch dann ging es auf schmalem Pfad steil aufwärts in die Berge.

Physische und psychische Herausforderung

Außer dem gelben Pfeil, der den Jakobsweg markieren sollte – gepinselt auf Steine oder an Bäume bzw. Hauswände fanden wir unterwegs keine Entfernungsangaben. Josef hatte sich einen Schrittzähler zugelegt. Er war einfach körperlich fitter und mir immer ein Stück voraus. Nur anhand meiner Uhr konnte ich abschätzen, wieviel Kilometer wir noch zu gehen hatten. 4 Grad war es kalt. Der 12 kg schwere Rucksack drückte. Der Boden war glitschig und schwer zu begehen. Der ständige Regen ging mir auf die Nerven. Mein Übergewicht und die fehlende Fitness liessen mich schier verzweifeln. Alle 100 m legte ich auf dem steilen Pfad eine Pause ein. „Da habe ich mir was angetan“, ging es mir durch den Kopf. Kein Vergleich zu den vorbereitenden „Sonntags-Spaziergängen“ daheim. Muß ich am Ende wirklich nach 3 Tagen aufgeben? Vollmundig sagte ich doch vor der Abreise zweifelnden Bekannten: „Ich laufe den ganzen Jakobsweg, die ganzen 760km zu Fuß. Solange ich nicht auf allen Vieren kriechen muß, nehme ich kein Taxi oder Bus!“ Welche Angeberei! Das wäre eine schöne Blamage! Durchhalten, da muß ich durch! Gott sei Dank wartete Josef immer wieder geduldig auf mich. Er hatte Verständnis für meine „Kurzatmigkeit“ und machte mir immer wieder Mut.

Mühsam überwand ich den Bergkamm und damit meinen „inneren Schweinehund“. Nun fiel es leichter – es ging bergab. Gegen 18:00 Uhr sahen wir das Kloster Roncesvalles. Eine alte ehrwürdige Klosteranlage, teilweise im Baugerüst, tauchte vor uns auf. Zuerst meldeten wir uns beim zuständigen Mönch wegen der Übernachtung. Das Prozedere waren Eintrag in die Liste mit Namen, Alter, woher gekommen. Als Spende nahm der Mönch jede Währung. Ich gab meinen Obulus in Franc. Der erste Stempel in den Pilgerausweis folgte. Der Mönch zeigte uns den Weg zum Schlafsaal. In einem dämmrigen Treppenhaus mit ausgetretenen Stufen stiegen wir in den zweiten Stock und gelangten in einen kleinen Schlafraum mit doppelstöckigen, wackligen Betten. Es war klamm, muffig und richtig kalt. Ein winzig kleines Fenster durchbrach die meterdicke Mauer zum Hof. Keine Heizung zum Trocknen der nassen Kleider. Kein warmes Wasser zum Duschen – die Anlage wurde gerade repariert. „Ich habe‘ gehört, in dem kleinen Gasthof vorne am Eingang gibt es heute Abend ein Pilgermenü“, sagte Josef, wollte sich aber von den Strapazen noch etwas erholen. Ich fror und ging im Trainingsanzug auf Erkundung. Es war 20:00 Uhr und ich wollte noch kurz einen Blick in die Kirche werfen. Zu meiner Überraschung war sie geheizt und es begann die Abendmesse. Ich blieb im Hintergrund und erlebte zum erstenmal eine spanische Messe, gestaltet von 6 festlich gekleideten Kloster-brüdern. Die kleine Kirche war mäßig besucht. Ich erkannte auch andere Pilger wieder, die mich auf der Etappe überholt hatten.

Ich ging zur Hl.Kommunion. Mein Blick fiel auf wunderbare, wertvolle Statuen und bunte Glasfenster. Plötzlich ging das Licht aus und nur noch die silberne Marienstatue auf dem Altar wurde angestrahlt. Die Mönche sangen ein wunderschönes Marienlied. Dann ging das Licht wieder an und der Priester rief alle Pilger zu sich um Ihnen den Pilgersegen zu geben. Ich war ergriffen. Schade, daß Josef nicht hier war. Die heutige Quälerei hatte sich doch gelohnt. Ich erzählte Josef von diesem Erlebnis und er bedauerte, nicht dabei gewesen zu sein. Nach dem Pilgermenü, mit 1000 Pts (DM 10.-) äusserst preiswert und dennoch schmackhaft – Sopa (Suppe), troucha (Forelle), Dessert und vino tinto (Rotwein) zogen wir uns in das dunkle Verlies zurück. Gegen 22:00 Uhr ging wie üblich das Licht aus. Für nächtliche Toilettengänge hatten wir eine kleine Taschenlampe dabei. Wir wußten, in den Refugios gibt es normalerweise kein Frühstück. Das bedeutete, wir laufen früh mit leerem Magen und müssen uns erst eine sogenannte Bar suchen. Dort gibt es Cafe con Léche (Kaffee mit ca. 50% geschäumter Milch) und Bocadillos con Queso oder Jamón (Sandwich mit Käse oder Schinken).

Auch gibt es sogenannte Regeln für die Peregrinos – wie die Jakobswegpilger hier in Spanien genannt werden. Im Refugio in Arca waren sie auf deutsch dokumentiert:

Pilger willkommen in Deinem Haus

Behüte es wie Dein eigenes. Achte mit darauf, daß es ordentlich und sauber bleibt. Gehe pfleglich mit dem um, was Du hier vorfindest. Denke dabei an all jene, die nach Dir hier kommen. Sie werden Dir dafür dankbar sein. Der Pilger ist nicht anspruchsvoll, aber einfühlsam und dankbar. Er möchte seine Ruhe und wohl verdienten Mußestunden haben. Bemühe Dich das haus bis 8:30 Uhr zu verlassen. Wenn es Dir möglich ist, gib uns eine kleine Geldspende. Ist Dir dies nicht möglich, segne Dich Gott. Uns genügt Deine Erinnerung und Dankbarkeit. Wir wünschen Dir, daß Jakobus Dich auf Deinem Weg nach Compostela begleite.

Der Dauerregen hielt weiter an. Wir marschierten auf morastigen, mit Pfützen übersäten Waldwegen. Ein seitliches Ausweichen in den Wald war nicht möglich, da dichtes Unterholz bis an den Wegrand wuchs. Bis zu 10 cm hoch überflutete Wege – war dies nun ein Bach oder noch der Jakobsweg? – ausgewaschene glatte Pfade auf Fels erschwerten das Vorwärtskommen. Mit dem Wanderstab schützten wir uns vor möglichen Stürzen. Dies drückte unsere Leistung auf 2 km pro Stunde. Doch das schlimmste kam noch. Da wir die ersten Tage nur in nassen Schuhen und Socken pilgern mussten, bildeten sich bei mir unangenehme Blasen zwischen den Zehen, auf der Fußsohle und an der Ferse. Wie auf Eiern folgte ich Josef, der weniger Probleme mit den Blasen hatte. Ich biß die Zähne zusammen. Abends wurden die Blasen immer wieder behandelt, aufgeschnitten etc. Das moderne, aber teure Compedium-Pflaster leistete dabei gute Dienste. Das von meiner Frau zusammengestellte Erste Hilfe-Päckchen enthielt alles Nötige. Dankbar dachte ich: „Auf meine Frau kann ich mich halt verlassen“.

Im Refugio in Burgos sahen wir einen Hinweis auf kostenlose Blasenbehandlung im benachbarten Militärhospital. Als der behandelnde Militärarzt die geschundenen Füsse sah, schlug er die Hände über den Kopf zusammen. Sein Urteil: „Ihre Füsse sind nur für 20 km pro Tag geschaffen“. Bei Josef sah er keine Probleme: „Diese eine Blase ist nichts“. Er könnte wieder zurück an die Front, ich sollte dagegen Heimaturlaub antreten. Als wir ihm erzählten, daß wir bereits 250 km hinter uns hatten, war er beeindruckt. Die Unterhaltung erfolgte in gebrochenen Pilger-Spanisch und der internationalen allgemeinen Gesten-Sprache. Wir erhielten von ihm ein ärztliches Attest auf Spanisch, aber keine Rechnung!

Mentale Herausforderung

Das Wetter wurde besser, die Blasen an den Füssen verheilten dank der ärztlichen Behandlung schnell, mein Übergewicht verringerte sich zunehmend und ich tat mich nun leichter. Teilweise konnte ich meinem Pilgerbruder die „Führungsarbeit“ abnehmen. Sogar 45 km am Tag steckte ich einmal weg – hierbei liefen wir unfreiwillig 15 km zuviel, aufgrund der unzulänglichen Wegmarkierungen in einer grossräumigen Strassenbaustelle.

Die Schönheit der Natur war ein besonderes Erlebnis. Gelber und weisser Ginster wuchsen links und rechts vom Weg. Das Farbspiel zwischen blauem Himmel, weissen Wolken, saftiggrünen Wiesen und den bunten Blumen erstaunte uns immer wieder aufs Neue. Nun sah ich wieder Dinge, die mir im Berufsstress schon lange abhanden gekommen waren. Das Trinken von Quellwasser, welche Labsal. Mein Kopf war plötzlich frei für Dinge, die teilweise seit mehr als 30 Jahren in meinem persönlichen „Papierkorb“ vergraben waren. So zum Beispiel fragte ich mich: „Warum habe ich eigentlich Chemie studiert?“ Nach der Promotion vor fast 25 Jahren habe ich nie mehr mit Chemie zu etwas tun gehabt. „War mein Wechsel zum anderen Unternehmen richtig? Habe ich nicht damit meine Familie vernachlässigt und egoistisch nur meine persönlichen Ziele verfolgt?“ Diese Fragen beschäftigten mich 3 Tage hintereinander. Schließlich fand ich darauf eine zufriedenstellende Antwort.

Weitere Fragen kamen hoch: Was ist der Grund für die vielen verlassenen Dörfer am Wege? Armut? Überalterung? Keine Zukunft? Warum sehen wir keine jungen Dorfbewohner?

Oder: Wie vergänglich ist Macht? Wir passierten Ruinen ehemaliger gewaltiger Kathedralen. Durch das riesenhafte Portal führte die Strasse, im Altarraum hatten Ziegen und Schafe ihren Stall. Wieso läßt unser Herrgott dies zu?

Wiederholt sahen wir Hunde, die zu zweit oder zu dritt auf engsten Raum an kurzen 1,5 m langen Ketten in Zwingern angebunden uns wild ankläfften. Warum machen die Spanier das? Gilt hier ein Hund nichts?

Als wir uns am Nachmittag des Ostersonntags Castrojeriz näherten, wurden wir geschockt. Eine Betonmaschine lief und zwei Spanier mauerten emsig an einem Rohbau. Ist dies das neue katholische Spanien? Bereits in den Kirchen fiel uns auf, daß überwiegend Frauen und alte Männer die Hl. Messe besuchten. Geht es den Menschen schon wieder so gut, daß sie es nicht mehr nötig haben, Gott zu danken? Ist dies eine Entwicklung, die nur Spanien betrifft oder habe ich sie zuhause nur noch nicht erkannt?

Welch ein Kontrast dazu im Refugio dieser Stadt Castrojeriz! Morgens um 7:00 Uhr wurden wir zuerst leise, später lauter werdend mit Gregorianischen Gesängen von der Schallplatte geweckt. Der Leiter des Refugio lief eilfertig durch die Schlafräume und weckte all „seine Pilger“ und lud sie zum gemeinsamen Frühstück ein. Jeder Pilger bekam einen und zwar nur einen Cafe con Léche sowie einen Apfel und ein paar Kekse. Er achtete darauf, daß jedes seiner Schäfchen nach dem Frühstück seine Tasse richtig spülte und abtrocknete. Wir schmunzelten darüber, dankten ihm für seine herzliche Gastfreundschaft. Gerne ließ er sich mit uns fotografieren - das Bild wurde ihm später mit einer Widmung zugeschickt.

Begegnungen

Was uns am meisten überraschte, und uns besonders ermutigte, waren die multikulturellen Pilger aus Kanada, USA, Brasilien, Dänemark, Frankreich, Belgien, Niederlande, Deutschland, Spanien und sogar Australien. Von 20 bis 75 Jahren war alles vertreten. Doch jeder hatte einen anderen Grund, „seinen eigenen Jakobsweg“ zu gehen.

Das junge australische Paar hatte 1 Jahr Auszeit genommen und eine Weltreise per Rucksack gestartet. In den USA hatten sie vom Jakobsweg gehört und nun wollten sie ihn zum Abschluß persönlich erleben und bis Santiago pilgern.

Die Brasilianer kamen, weil einer ihrer berühmten Dichter ein mystisches Buch über den El Camino geschrieben hatte und sie dies nacherleben wollten.

Für die Spanier ist es Tradition, diesen Weg mindestens einmal im Leben zu gehen. Spanische Paare pilgerten in ihrem Urlaub jedes Jahr 1-2 Wochen gemeinsam ein weiteres Stück des „El Camino“.

Eine junge Französin ging den Weg im Bewußtsein, dass ihr Arbeitplatz aller Wahrscheinlichkeit nach während ihrer Abwesenheit verloren geht. Für dieses ihr bevorstehende Los wollte sie auf dem Jakobsweg Kraft sammeln.

Ein schon betagter Deutscher gelobte den Jakobsweg zu gehen, wenn seine an einem sehr schmerzhaften, unheilbaren Krebs erkrankte Frau einen einigermassen schönen Tod erleiden würde. Nun löste er sein Gelübde ein.

Es überraschte, wie offen der Einzelne auf dem Jakobsweg vertrauensvoll über diese Dinge mit seinen fremden, aber Mitbrüder im Geiste, sprach.

Was ist der Sinn des Lebens?

Doch dies alles wurde in unseren Augen noch übertroffen: Ein älteres Ehepaar, er 70 und sie 62 Jahre alt, gelobten den Jakobsweg zu gehen, falls ihr - nach einem Badeunfall - spastisch gelähmter Enkel je wieder laufen können sollte. Ein normales Gelübde? Dem älteren Ehepaar begegneten wir zum erstenmal in einer Gaststätte in O Cebreiro. Ein kurzes Gespräch, nichts Besonderes. Es fiel uns nur das nervöse Zucken an den Augen der Frau auf. Der Enkel war hier auch dabei. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir aber noch nichts von dem Gelübde.

Am nächsten Morgen sahen wir wie das ältere Ehepaar liebevoll Hand in Hand den Jakobsweg wanderte. Josef und ich diskutierten noch, ob wir im Alter ähnlich liebevoll zu unseren Frauen sein würden. Am dritten Abend trafen wir uns zu unserem gewohnten Menu del Dia in einem kleinen Comedor (Speisesaal der Bars). Hier erfuhren wir zu unserer Überraschung, dass die ältere Frau seit mehr als 12 Jahren komplett blind ist! Wiederholt trafen wir die Beiden später noch auf dem Weg nach Santiago de Compostela. Wir bewunderten die blinde Frau. Wie zufrieden sie war. Wie sie in Ruhe zum wiederholten Male versuchte, ein Pflaster auf eine kleine Blase am Fuß zu kleben. Kein Nörgeln und kein Hadern mit dem Schicksal, immer freundlich. Da sie aber selten mehr als 15 km am Tag laufen konnte, verloren wir sie kurz vor dem Ziel. Wie groß war die Freude, als wir am letzten Abend durch die stillen Gassen des Wallfahrtortes schlenderten und die Beiden plötzlich in einer Bar sitzen sahen.

Sofort zückte ich meine Digitalkamera und machte ein Bild – mit Blitz, wie man sieht. Und welch Wunder, die Fensterscheibe reflektierte den Blitz so, als schwebte über der blinden Frau ein Heiligenschein. Wir schilderten das Foto, tranken noch ein kleines Bier zusammen und sprachen über die Heimreise. Adressen wurden ausgetauscht, um z.B. dieses Foto als Erinnerung zu schicken.

Wie verblassen doch die eigenen Probleme, wenn man sieht, mit welcher Kraft dieses Ehepaar sein Schicksal meisterte. Ein Fingerzeig des Hl. Jakobus ?

Im Geist von Santiago de Compostela

Drei Etappen vor unserem Ziel, in Palas de Rei, hatte beim Abendessen ein dänischer Pilger die Idee, wir sollten doch gemeinsam in der Kathedrale das Te Deum  zum Abschluss unseres Jakobsweges singen. In dem kleinen Comedor saßen Deutsche, Kanadier, der Däne und ein Norweger. Zuerst hielten wir es für eine „Vino tinto“-Idee. Doch dann waren wir begeistert, vor allem, weil die anwesende 5-köpfige Berliner Familie gerne und gut sang. Problematisch war nur, dass die Berliner Familie einen Tag Pause einlegen wollte und wir uns somit nicht an unserem letzten Tag um 11:00 Uhr vor der Pilgermesse auf dem grossen Platz hätten treffen können. Doch der Hl. Jakobus war uns gewogen. Der Berliner Familienvater hatte Lieder mit Noten auf Papier fixiert und mehrere Kopien davon angefertigt. Darunter waren die Lieder „Dona nobis pacem“ und „Magnificat“. Gemeinsam probten wir diese Lieder auf dem grossen Platz und beschlossen nach der Pilgermesse sie inmitten der Kathedrale zum Lobe Gottes zu singen.

Als nach der Hl. Messe die Kathedrale einigermassen leer war, sang die „Internationale“ der Jakobswegpilger mit einer hervorragenden Akustik die ausgewählten Lieder. Weitere Pilger, Spanier und Franzosen, stießen plötzlich dazu und sangen mit uns gemeinsam von den Notenblättern. Ein Gefühl der Gemeinsamkeit ergriff uns, obwohl wir aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammten und verschiedene Sprachen uns zu eigen waren. Eine Parallele kam mir in den Sinn: Könnte es nicht so ähnlich beim Erscheinen des Hl. Geistes gewesen sein, wie es das Neue Testament beschreibt?

Welch‘ geheime Macht lockt Dich an ?

Die Gruppe löste sich nun auf. Herzlich verabschiedeten wir uns von einander. Die einen wollten noch bis Finisterre (finis terrae = lat. „Ende der Welt“) - ein mystisches Felsenkap, das die Kelten schon vor 2.500 Jahren als Ende der Welt ansahen. Andere flogen mit dem Flugzeug, oder fuhren mit dem Bus nach Hause. Wir beide, Josef und ich, wollten wie geplant mit der Bahn über Paris zurückfahren.

Eine Erklärung des Phänomens „El Camino“ versucht nachfolgendes Gedicht auf den Jakobswegpilger zu geben. Dieses Gedicht steht in Deutsch und in Spanisch auf einer Mauer am Rande des Jakobswegs, verfaßt von einem unbekannten Autor:

Staub, Schlamm, Sonne und Regen.
Das ist der Weg nach Santiago

Für Tausende von Pilgern

Und mehr als tausend Jahre.

Wer ruft Dich, Pilger?
Welch‘ geheime Macht lockt Dich an?
Weder ist es der Sternenhimmel,
Noch sind es die großen Kathedralen.
Weder die Tapferkeit Navarras,
Noch der Rioja-Wein,
Nicht die Meeresfrüchte Galiziens.
Und auch nicht die Felder Kastiliens.

Pilger, wer ruft Dich?
Welch‘ geheime Macht lockt Dich an?
Weder sind es die Leute unterwegs,
Noch sind es die ländlichen Traditionen,
Weder Kultur und Geschichte,
Noch der Hahn von St. Domingos,

Nicht der Palast von Gaudi
Und auch nicht das Schloß von Ponferradas.

All dieses sehe ich im Vorbeigehen
Und dies zu sehen ist Genuß.
Doch die Stimme, die mich ruft
Fühle ich viel tiefer in mir.
Die Kraft, die mich vorantreibt,
Die Macht, die mich anlockt,
Auch ich kann Sie mir nicht erklären.
Dies kann allein nur ER, dort oben!

Diese geheimnisvolle Macht erlebten wir sehr plastisch im letzten Refugio – Arca o Pino – ca. 20 km vor Santiago de Compostela. Eine wunderschöne Pilgerherberge mit 80 Betten und Pferdestall. Abends kurz vor dem Einschlafen hörte ich, wie ein Pilger zu seinem Nachbar sagte: Wir könnten doch morgen um 5:00 Uhr aufstehen und versuchen, zur Pilgermesse um 12:00 Uhr in Santiago de Compostela zu sein? Ich stieß Josef an und er nickte: „Das machen wir auch !“ Um 5:00 Uhr piepste eine Armbanduhr und pötzlich sprangen mehr als 30 Pilger aus ihren Betten und machten sich bereit zum Abmarsch, obwohl es draussen noch stockdunkel war. Alle hatten es auf einmal eilig, nach Santiago de Compostela zu kommen. Eine Art Lampenfieber hatte uns ergriffen...

Jeder geht seinen Jakobsweg !

Obwohl wir Jakobswegpilger in der Regel getrennt pilgerten, bedingt durch Konstitution und Meditieren, hatten wir doch alle eine Gemeinsamkeit im Geiste erfahren, die rational nicht zu erklären ist. Ich ließ den Jakobsweg emotional auf mich wirken – und ich bin damit zufrieden. Obwohl ich eine naturwissenschaftliche Ausbildung habe, muß ich nicht alles in Zahlen fassen können. El Camino spiegelt Dein Leben wider ! Jeder Pilger wird andere, aber ähnliche Erfahrungen sammeln. Dieser Bericht soll einen kleinen Eindruck vermitteln, wie ich meinen Jakobsweg erfahren durfte.

Es ist 6 Monate her, dass ich „meinen persönlichen EL Camino“ ging. Es kommt mir vor, als wären bereits Jahre vergangen. Gefragt, ob ich mir das noch einmal antue, verneinte ich dies kurz nach unserer Rückkehr. Die zahlreichen, teilweise schwer erklärbaren Eindrücke mußten erst einmal verarbeitet werden. „Für den Jakobsweg mußt Du bereit sein !“ – heißt es. Dieser Aussage stimme ich aus ganzem Herzen zu.

Vor kurzem führte ich ein anregendes Gespräch zum Thema „El Camino“ mit einem älteren, rüstigen Miltenberger Jakobswegpilger. Wir sprachen auch über das herzliche, aufmunternde „Buen Camino“ (Alles Gute auf dem Jakobsweg) verbunden mit der erhobenen gespreizten Hand – Symbol der Jakobsmuschel – entboten von Wanderern, Radfahrern und sogar Reitern, als Zeichen der Gemeinschaft im Geiste des Hl. Jakobus. Den Jakobsweg noch einmal gehen – direkt von Miltenberg aus, das wär‘s! Mit ca. 100 Pilgertagen rechne er. Wie sagte er noch zu mir ? „Was man einmal angefangen hat, sollte man auch zu Ende bringen!“ Die geheime Macht lockt wieder. Mal sehen, wann ich mir eine solche lange Auszeit leisten kann...

Dr. Anton W. Schneider/Josef Ittinger – im Oktober 2000

Information zur Weiterfahrt vom Flughafen Santiago nach Sarria

In Santiago am Flughafen „Labacolla“ gibt es einen Infostand in der Halle, an dem die Busfahrzeiten nach Sarria ausliegen. Die Busverbindung nach Sarria geht über Lugo (das ist auch als Fahrziel am Bus angegeben). Fahrtzeit ca. 2 Stunden. Dort muß man am Busbahnhof in einen Bus der Fa. Monbus umsteigen und erreicht nach ca. 30 Min. Sarria. Die Busse fahren direkt am Flughafen ab. Wenn man das Gebäude durch den Haupteingang (Drehtüre) verlässt, ist die Bushaltestelle rechts. Man hat also keinen direkten Kontakt mit der Stadt Santiago, da der Flughafen ca. 15 km entfernt ist. Die Busse fahren mehrmals täglich.

Salidas des de Aeropuerto

Hora Días de servicio Destino
5:10 (1) Domingos (11) Lugo
7:10 (1) Todos los días Lugo
9:25 (1) De Lunes a Viernes (4) Lugo
11:10 (1) Todos los días Lugo
12:55 (1) De Lunes a Sábado (4) Lugo
13:40 (1) De Lunes a Viernes (4, 5) Melide
13:40 (1) De Lunes a Sábado (4) Arzúa
16:10 (1) Todos los días Lugo
18:10 (1) De Lunes a Viernes (4) Lugo
18:40 (1) Todos los días Lugo
20:10 (1) De Lunes a Viernes y Domingo Lugo
21:10 (1) Viernes (7) Lugo

1 Las horas de paradas intermedias y llegadas son aproximados.
4 Servicio disponible solo en días Laborables
5 Servicio disponible solo durante Período Lectivo
7 Servicio disponible en días lectivos o víspera de puente lectivo, del 1 de Octubre al 30 de Junio.
11 Servicio especial NoiteBUS (Julio y Agosto).