Pilgerwege

Auf der Via de la Plata - Ein Erlebnisbericht

Im Jahr 2005 zu Fuß von Sevilla über Ourense nach Santiago de Compostela
Der Auftrag des Sekretärs der Fränkischen St. Jakobus-Gesellschaft zu Würzburg lautete: Sei so nett und schreibe uns einen Bericht über „deine“ Via de la Plata 2005.
Was schreibt man in einen Pilgerbericht, ohne den Leser zu langweilen, weil er das Geschrie­bene schon mehrfach in anderen Berichten gelesen hat? Also, so dachte ich mir, sollte der In­halt nur in direktem Zusammenhang mit dem beschriebenen Weg stehen und die für das Pil­gern allgemeinen Ratschläge außer Acht lassen, wie z. B. wieviel Wasser braucht man am Tag und welches Blasenpflaster ist das Beste. Doch lassen natürlich neben sachlichen Hinweisen die persönlichen Erfahrungen den Bericht lebendig werden. Nachdem ich mir über den „Rah­men“ nun zumindest schon im Klaren bin, wird es nun Zeit, dem Leser auch das dazugehörige Bild zu zeichnen.
Am 15. April flog mich Ryanair von Frankfurt-Hahn nach Jerez de la Frontera. Hier übernachtete ich auch, da nach Internetauskunft alle Unterkünfte in Sevilla aufgrund der Festwoche „Feria“ ausgebucht waren. Es sollte nicht zu meinem Nachteil sein, denn das andalusische Jerez, Hei­mat des Flamenco, ist eine liebliche, überschaubare Stadt mit Sehenswürdigkeiten wie Kathe­drale, Spanische Hofreitschule, Alcazar mit Camara Oscura und nicht zuletzt den vielen, vielen Bodegas, die es wirklich lohnt zu besichtigen und den köstlichen Sherrywein zu verkosten. Von Jerez aus erreicht man problemlos und zu günstigstem Preis mit dem Zug in etwas über einer Stunde Sevilla. So blieb ich ein Wochenende vor Ort und nahm mir Zeit, beide Städte zu be­sichtigen und auch um das Spektakel „Feria“ in Sevilla zu erleben. Am 18. April brach ich dann zu Fuß von Sevilla im jetzt schon heißen Süden auf nach Santiago de Compostela im grünen und gerne regnerischen kühlen Norden Spaniens.

Der erste Tag begann sehr unangenehm: Beim Verlassen von Sevilla auf einsamer Strecke im Industriegebiet von einem Autofahrer mit heruntergelassener Hose mit eindeutigen Angeboten bedacht, tönte mir kurz danach im Anmarsch auf die erste Finca ein Chor mehrerer Hunde­stimmen schon von weitem entgegen und auf dem Weg selbst traf ich dann einige der Chormit­glieder (die zum Glück mehr Angst vor mir als ich vor ihnen hatte). Allen Mut zusammen neh­mend ging ich weiter und das war durchaus beachtlich, war doch die Angst vor Hunden auf der Via de la Plata (V.P.) meine größte Besorgnis vor Beginn der Reise. Und um mich vielleicht doch noch zur Rückkehr nach Sevilla zu bewegen oder meinen Mut zu testen dies nicht zu tun, fing es auch noch an zu regnen. Doch so leicht gebe ich im Allgemeinen nicht auf. Und wie um mich hierfür zu belohnen, schien die Sonne später wieder und ich erreichte mein erstes Etap­penziel Guillena doch noch trockenen Fußes.
Dort erlebte ich dann hinsichtlich der Tatsache, dass sich bisher pro Jahr noch sehr wenige Pilger die V.P. vornehmen, eine Überraschung: Die Herberge, also der Duschvorraum im Polideportivo, war „completo“, will heißen ausgebucht! Und sogar im Hostal in dem kleinen Ort waren schon Pilger untergebracht. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Dennoch ging ich zum Polideportivo und die Pilger dort waren so nett und rutschten auf den blauen Sportmatten am Boden zusammen und ich fand so ein Plätzchen für die Nacht.
Zwei weitere Überraschungen erlebte ich noch an diesem Tag: Im Polideportivo übernachtete ein österreichisches Ehepaar. Ich erkannte den Mann wieder. Wir trafen uns vor drei Jahren am Camino Frances (C.F.) in Sahagun. Dort hatten wir uns ein einziges Mal unter­halten. Er war damals mit Fahrrad und Freund unterwegs und sagte mir, dass er zu Fuß aber immer mit seiner Frau gehe. Und diese durfte ich nun kennen lernen.
Die andere Überraschung erwartete mich beim Abendessen im Hostal: Ein deutsches Ehepaar, kurz zuvor bei der Jah­restagung der Jakobusgesellschaft am Volkersberg bei Bad Brückenau kennen gelernt, über­nachtete dort. So waren wir am ersten Abend bereits eine vergnügliche Runde aus Spaniern, Österreichern und Deutschen. Und wie sich herausstellte, sollte dies – von einigen Ausnahmen abgesehen – bis zum Ende in Santiago anhalten. Denn ich stellte bald fest, dass aufgrund der im Verhältnis zum C.F. geringen Anzahl von Herbergen und damit vorgegebenen Etappenzielen, diejenigen, die in Sevilla zusammen anfangen, wohl auch - falls keine gesund­heitlichen Probleme auftreten - in Santiago zusammen ankommen. Nach 1.000 km, 6 Wochen gemeinsam erlebter Freude und Leid. Und Abschied und Wiedersehen dazwischen, weil eben gesundheitliche Probleme sich nicht vermeiden ließen.
Diese entstanden in meinem Fall haupt­sächlich während der ersten drei Wochen, durch die auch für die Einheimischen um diese Zeit große Hitze, unter der meine Füße und die ganze Konstitution litten. Ein Ruhetag nach den ersten beiden Wochen, in Canaveral, war nötig. Doch wurden hier die körperlichen Strapazen wieder wettgemacht durch eine wunderschöne Messe anlässlich des Feiertags des Hl. Josefs, eine Prozession, Einladung zu Vino de Honor, Umzug durch Bars und zu guter Letzt Einladung auf eine Finca zur Feier eines Hochzeitstags. Ob einem Ausländer das in Deutschland auch passie­ren würde?
Dem beiliegenden Etappenplan können die jeweiligen Unterkünfte entnommen werden. Im Ge­gensatz zum C.F. findet man auf der V.P. noch häufig Notunterkünfte, wo die Gemeinde einen Raum, einen Flur oder eine Veranstaltungshalle zur Verfügung stellt, fließend kaltes Wasser oder sogar Dusche vorhanden, damit die Pilger das Nötigste haben. Viele Herbergen haben gemeinsam, dass man sich den Schlüssel erst anderen Ortes organisieren und auch am nächs­ten Tag wieder dorthin zurückbringen muss. Aber das letztendlich machte die V.P. ganz eigen und ich bin glücklich und weiß es zu schätzen, dass ich den Weg jetzt gehen durfte und nicht erst in ein paar Jahren, wenn die Pilger-Infrastruktur vielleicht genauso ausgebaut sein wird wie am C.F. Vorbildlich waren natürlich die Herbergen in Galizien, dem Pilgerland schlechthin.

Schwierigkeiten ergaben sich zum einen durch die Hitze, ganz besonders durch teilweise not­wendige lange Etappen mit nicht vorhandener Möglichkeit des Wassernachschubs. Hier möchte ich nun doch einen Hinweis zum Pilgerführer von Michael Kasper einfügen, weil die Mitarbeiter des Naturparks darum baten: Im Parque Berrocal (Etappe von Castilblanco de los Arroyos nach Almaden de la Plata) gibt es kein Wasser, nur „no potable“! Die Mitarbeiter dort waren so freundlich, uns mit ihrem eigenen Wasser aus Kanistern zu versorgen. Man sollte sich auf die­ser Etappe also selbst mit einem ausreichend großen Wasservorrat eindecken. Zum anderen ergaben sich die Schwierigkeiten mit der Hitze durch die Dunkelheit zu Beginn der Pilgerfahrt, da man nicht vor 7:30 Uhr aufbrechen konnte bzw. ich auch nicht wollte – es sei denn man ist so ein bisschen verrückt wie unsere spanischen Freunde. Meist waren sie vor der großen Mit­tagshitze bereits am „Ziel“. Meine Motivation war jedoch eine andere, das Unterwegssein und den Weg und alles was dazu gehört, genießen zu können. Und nicht durchzuhasten und ein Programm zu absolvieren. Und doch ließ einem manchmal die gnadenlose Sonne fast keine andere Wahl, als sich nach der Siesta unter schattenspendenden Eichen zu beeilen die nächste Herberge zu erreichen.
Der Weg an sich ist meist gut gekennzeichnet und mit dem Pilgerführer von Michael Kasper vorbildlich zu meistern, abgesehen von wenigen Wegänderungen (Achtung beim Verlassen von Tabara!). Und natürlich unterbricht der Autobahnbau hin und wieder die Wegführung, sodass man die Markierung suchen muss. Doch gaben die Bauarbeiter gerne mit Handzeichen Aus­kunft wo es weiterging.
Hinsichtlich des Höhenprofils ist die V.P. wesentlich weniger anstrengend als der C.F. Anstren­gend ist sie jedoch durch die bereits beschriebenen langen Etappen und kann sie sein durch die sehr unterschiedlichen Temperaturen: Heiß und trocken in Andalusien und Extremadura, richtiggehend kalt beim Einmarsch in die Kastillische Hochebene und kühl und regnerisch aber auch wieder sonnig im grünen Galizien. Es war erstaunlich, die Jahreszeiten einmal rückläufig zu erleben: In Andalusien grünte und blühte es bereits, es war Frühsommer, und je weiter man sich Kastillien näherte, wurde es wieder Winter, mit unbelaubten Bäumen, gerade mal die Knospen waren auszumachen an den kargen Ästen und Schnee lag auf den Bergkämmen der Sierra de Gredos. Galizien empfing mich danach wieder wohltuend grün wie immer und führte teilweise soviel Wasser auf seinen Wegen, dass man auf den aufgetürmten Steinreihen daneben gehen musste um den Weg zu passieren oder einen Pass hüpfend von Stein zu Stein zu überqueren. Ich fragte mich, warum man dieses Wasser nicht in den Süden des Landes transportieren kann um dort die Wasserknappheit auszugleichen.
Im Allgemeinen bestehen die Wege der V.P. aus viel Stein, ob Straße, Naturstein oder Schotter, der sich später - wenn auch für die Füße nicht immer angenehm zu gehen – als sehr nützlich - vor allem wenn es regnete – herausstellte: Weil der Lehm ohne ihn sonst zu wahren Sockeln an den Schuhen heranwachsen und das Gehen erheblich erschweren würde. An dieser Stelle da­her ein Tipp: Ich würde feste Schuhe für die V.P. empfehlen, da man sonst jeden Stein durch die Sohle spürt.
Die eigentlichen „Schrecken des Weges“ hatte ich mir vorher schon ausreichend vor Augen geführt: Cerdos Ibericos (schwarze freilaufende Schweine, die besonders angenehm im Koch­topf waren), Torros (Stiere, die sich meist jedoch – bis auf einmal – nur als neugierige Kühe entpuppten), Culebras (Schlangen, die mir glücklicherweise nicht begegneten) und - Perros – Hunde, meine größte Angst. Die letztere Spezies gab es wirklich zuhauf, manche allerliebst und freundlich, andere riesig und furchterregend und die unangenehmste Gruppe war die der ag­gressiven Vertreter, zum einen heimtückisch versteckt haltend um genau in dem Moment, in dem man den Zaun erreicht hat, emporzuspringen mit gefletschten Zähnen oder zum ande­ren mit den Vorderbeinen schon über den winzigen Zaun steigend (so geschehen in Galizien). Das Pfefferspray hatte ich zum Glück nie benutzen müssen, obwohl ich es häufig einsatzbe­reit in der Hand hielt. Der Stock leistete gute Dienste im Abwehren aufgebrachter Kläffer. Das „beeindruckendste“ Erlebnis mit Hunden hatte ich bei Zamorra. Aus dem Pilgerführer wusste ich, dass Mastines, große Hütehunde, dort Schafe bewachen. Doch wenn sich dann eine An­zahl von mindestens fünf dieser Hunde auf einmal bellend nähert – und ohne dass in der Nähe die dazu gehörigen Schäfer vorhanden sind – wird das Wissen real und die Knie weich wie Butter. Ich war froh und dankbar, dass ich in diesen brenzligen Situationen meist einen Beglei­ter hatte oder auch mir Hilfe entgegen eilte. Jedem Pilger sei geraten, Stock oder Spray dabei zu haben.

Die Hilfe, die ich hier anspreche, und im Allgemeinen eine große Freundlichkeit, wurde mir auf der V.P. zuteil. Ich glaube, dies ist der Vorteil, wenn man diesen Weg im Moment geht. Die Ein­heimischen entlang des Weges treten Pilgern noch unvoreingenommen gegenüber, sind offen und freundlich und hilfsbereit. Ich denke immer wieder gerne an eine Wirtin, die liebevoll mit einem Geschirrtuch meinen nassen Rucksack und die Regenjacke versuchte trocken zu reiben, an den Vater des Bürgermeisters in einem kleinen Ort, der mich zu einem Getränk in die Bar einlud, während ich auf seinen Sohn warten musste, weil nur dieser meinen Pilgerpass stem­peln konnte, an die Schweinehüterin in demselben Dorf, die auch mich gleich unter ihre Obhut nahm um mir den Weg zur Herberge (die noch Baustelle war – aber egal), zum Kaufladen und zum Alcalde zu zeigen – dank ihr habe ich an diesem langen Tag noch etwas zu essen be­kommen. An die vielen älteren Spanier, die etwas Deutsch konnten, weil sie in den 60er und 70er Jahren in Deutschland oder in der Schweiz lebten um ihre Familien versorgen zu können, und das Gespräch mit mir suchten. Ganz besonders gerne denke ich an die Über­nachtung im Kloster Oseira, wo Pilger so liebevoll aufgenommen und betreut werden, so man das Glück hat, nach telefonischer Anfrage dort übernachten zu dürfen. Der Pilgerweg lebt durch diese Begeg­nungen und Erfahrungen, für die ich so dankbar bin. Schade ist nur, dass die Pilgerseelsorge fast am ganzen Weg zu kurz kommt: Alcuescar, Oseira und auch Fuenterroble de Salvatierra mit Don Blas, der wohl allen, die die V.P. bereits gegangen sind, in dankbarer Erinnerung blei­ben dürfte, bilden noch die großen Ausnahmen.
Und jetzt im Moment bin ich dem Sekretär der Jakobusgesellschaft sehr dankbar dafür, dass ich diesen Bericht schreiben durfte, weil so viele wunderbare Momente wieder wach geworden sind, die ich auch allen nachfolgenden Pilgern auf der Via de la Plata wünsche.
Buen Camino!
Ulrike Bruckmeier

(Fotos: Wolfgang Oberle, Paderborn)