Pilgerwege

Helmut Henningsen: Drei Jahre Hospitalero auf dem portugiesischen Pilgerweg Caminho Português

Drei Jahre sind es her, dass wir mit der Übernahme der Quinta das Leiras in Rubiães Pilger aus aller Welt beherbergen. Zeit für eine Rückschau auf arbeitsreiche Monate, vielerlei Erfahrungen und Erkenntnisse.

1. Wettererwartungen und Pilgeraufkommen

Auffallend sind die steigenden Pilgerzahlen. In den Monaten Mai und September entstehen damit Engpässe bei der Zimmersuche. Denn noch immer bestimmt die Fehleinschätzung, alle anderen Monate seien zu heiß bzw. zu nass, die Terminplanung. Nordportugal ist nicht die Algarve, und Galicien nicht das, was man gewöhnlich unter Spanien versteht. So haben wir in den vergangenen Jahren festgestellt, dass sich Wetterbedingungen nicht zuverlässig einordnen lassen, dass es Jahre gab, in denen man bereits im April das erwartete Maiwetter antraf, oder umgekehrt, dass der Mai völlig verregnet war. Letztlich aber ist Urlaubswetter nicht unbedingt Wanderwetter, und häufig sind die kühlen 19-Grad-Tage für die Strecke ideal. 

Wegen der vielen Feiertage im Mai sind es im Schnitt ca. 80 % Deutsche, die den Caminho Português gehen. Wegen günstiger Verkehrsanbindungen wählen manche Barcelos oder Ponte de Lima als Startort, andere beenden dagegen an der spanischen Grenze in Valenca/Tui ihren Pilgerweg. Meist sind es diejenigen, die sich nur 1 Woche Zeit nehmen können oder längere Aufenthalte in Porto bzw. Santiago einplanen. 

Nicht übersehen sollte man, dass ab Tui (Grenze) mit den letzten 116 km auch jene auf Reisen sind, denen die Compostela wichtig ist, die sich also den „Leistungsnachweis“ mit den letzten abgestempelten 100 km erlaufen möchten. Folglich sind auf diesen 6 Etappen meist mehr Pilger als vorher unterwegs.

2. Vorreservieren oder nicht

Hier scheiden sich die Ansichten deutlich, einen Königsweg gibt es jedoch nicht. Vor- und Nachteile sind gleich verteilt. Spannender, authentischer, romantischer ist es, sich morgens auf den Weg zu machen und mit „open end“ in den Tag zu gehen. Und dabei die gute Erfahrung zu machen: alles wird letztlich gut, du findest immer etwas. Wer auf diese Weise unterwegs war, weiß, wie sich in diesen Tagen ein gesundes Grundvertrauen bildet, eine wichtige Einsicht für den Pilgerweg. Aus unserer Sicht liegt die Rate der Nichtbucher jedoch unter 20 %, und in den besagten Monaten Mai und September noch deutlich darunter. 

Hat man vorreserviert (telefonisch oder per Internet), so lässt es sich gemütlich in den Tag hinein laufen, unabhängig von allen Befürchtungen, zu spät zu sein. Selten ist man zu spät aufgestanden, zu spät gestartet, hat man zu lange Pausen eingelegt usw. Mancher kommt auf diese Weise erst am Spätnachmittag in das angemeldete Quartier und hat dabei das glückliche Gefühl, alleine auf dem Weg zu sein. 

Die preiswertesten Unterkünfte sind zweifellos die kommunalen Pilgerherbergen, sie werden meist subventioniert. Vorbestellungen sind nicht möglich, Mehrbettzimmer die Regel. Wer das Pilgern nicht als Selbstkasteiung und Entsagung mancher Grundbedürfnisse auffasst, wird schnell zu der Einstellung gelangen, dass man die Massenquartiere den jüngeren Pilgern mit schmalem Budget vorbehält. Inzwischen ist die Vielfalt an Unterkünften immer größer geworden, das Netz der komfortableren Häuser engmaschiger. 

3. Tagesetappen

Möglicherweise werden die ca. 250 km falsch eingeschätzt. Hoch motiviert stürmen manche schon zu Beginn auf eine zu lang angesetzte Tagesstrecke. Nicht nur, dass man den (inzwischen favorisierten) Küstenweg nach dem ersten Tag bereits wieder verlässt, anstatt ihn in zwei Etappen zu genießen, auch werden die Füße (das Wichtigste überhaupt!) überstrapaziert, wovon nur die Apotheken in den nachfolgenden Tagen profitieren. Fußkranke beschreiben oft die Strecke von Barcelos nach Ponte de Lima (34 km) als zu lang. Alle Pilgerführer geben hierfür jedoch Zwischenaufenthalte an, und für Ungeübte wird die Bewältigung der Gesamtstrecke als besondere Herausforderung schnell zum Bumerang.

Hinzu kommt die portugiesische Wegqualität, die vor langer Zeit und für alle Ewigkeit geschaffen wurde: Pflastersteine aus Granit, grob behauen, bestimmen mit wenigen Ausnahmen den täglichen Weg! Aus diesem Grund empfiehlt sich eine durchdachte Auswahl der Schuhe. 

4. Der sog. Küstenweg

Liebhaber des Meeres wird die Aussicht auf tägliche Plankenwege entlang der Dünen und Strände dazu verleiten, den gesamten portugiesischen Abschnitt an der Küste bzw. später am Rio Minho hoch nach Valenca zu nehmen. Dazu muss man jedoch wissen, dass der anfangs so reizvolle und bequeme Weg ab Vila da Conde dann oft in weiter entferntem Abstand zur Küstenlinie verläuft, so dass man häufiger vom Meer kaum etwas sieht oder es nur in der Ferne ausmacht. Da dieser Weg zudem recht wenig frequentiert wird, hat sich die Infrastruktur bisher nicht wirklich darauf eingestellt (was in Portugal zudem länger als woanders dauert). Das bedeutet, Geschäfte und Lokale sind rar, oftmals ist man gut beraten, genügend Proviant mitzuführen. 

Durchgesetzt hat sich dagegen die erste neue Streckenführung am Douro bzw. am Meer entlang, die endlose Qual aus Porto heraus durch die industriellen Randbezirke will und muss wirklich niemand mehr gehen. Wem der gesamte Weg von der Kathedrale in Porto über Matasinhos nach Lavra/Vila Chá zu weit erscheint, dem empfehlen wir die historische Straßenbahn, sie fährt am Douro entlang und erspart einem (bis zur Endstation) manchen Kilometer. 

5. Variante Espiritual

Aus der relativen Ruhe des portugiesischen Abschnitts kommend empfindet mancher den spanischen Teil schon wieder als zu voll. Sollte man also bereits nach 3 Tagen Spanien wieder Ruhe und Alleinsein suchen, so empfehlen wir die Alternativstrecke ab Pontevedra über die sog. Variante Espiritual hinauf nach Pontecesures (Padron). Sie ist kaum länger, als Pilgerweg gut markiert und bietet durchweg Ruhe und spektakuläre Naturerlebnisse. Infos dazu haben wir als Broschüren und PDF vorbereitet.

6. Auslasstage (O Porriño)

Wir werden in unserem Haus oftmals gefragt, welchen der nachfolgenden Tage man aus Zeitgründen ggf. überspringen bzw. auslassen könnte. So sucht man nachteilhafte Beschreibungen oder Erfahrungen. Aus eigener Kenntnis fällt mir dies jedoch nur schwer. Früher war es der Industriestandort O Porriño, durch dessen Randbezirke man sich endlos quälen musste. Dies ist jedoch lange her, den schlechten Ruf konnte die Etappe Tui – O Porriño bis heute jedoch nicht restlos verlieren. Zu Unrecht, wie ich finde. Denn es sind nur 2 Abzweigungen, die man nicht verpassen darf, und alles ist gut. Dann zählt dieser Abschnitt sicher zu den besten.

7. Familientage auf dem Caminho

Dass sich der Caminho zum zweitbeliebtesten Pilgerweg entwickelt hat, dafür gibt es vielerlei Gründe. Mancher will einfach mal das Leben aus dem Rucksack kennenlernen, mitreden, fühlen. Will die hochgelobte Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Portugiesen erfahren, ihre Gelassenheit, die lieblichen Landschaften, die liebevollen Gärten, die Bescheidenheit, in der man hier am äußersten Rande des Kontinents zufrieden und in Ruhe lebt. Auch die Zeit, die man sich für dies und jenes nimmt, womit sich manch kurz angebundener Mitteleuropäer anfangs jedoch schwer tut. „Ihr habt die Uhren, wir die Zeit!“, so hört man mitunter die Portugiesen mit einem Augenzwinkern über die kulturellen Unterschiede sinnieren. Und oft überrascht es selbst uns noch, wie langsam die Zeit voran schreitet. So kommt es wohl, dass mancher den entspannten Winkel aufsucht, um sich selbst mit Kindern, Enkeln oder Geschwistern für einen überschaubaren Zeitraum wieder zusammenzufinden und wertvolle Zeit des Beisammenseins zu kosten. Der Caminho als Therapeutikum, nie war er sehnlicher und wichtiger als in diesen Zeiten. 

8. Der gesamte Caminho ab Lissabon

Obwohl der englischsprachige Pilgerführer von John Brierley hartnäckig daran festhält: Für den Weg ab Lissabon gibt es wenig Empfehlung! All jene, die den Weg bereits in Portugals Hauptstadt im Süden begonnen hatten, gaben übereinstimmend zu Protokoll, dass der lange Abschnitt bis Porto mit zu vielen Hindernissen versehen sei, die Infrastruktur nicht stimme, zu viel auf Landstraßen und durch Industrie gegangen werden müsse. Oftmals wurde der Weg aus Enttäuschung abgebrochen. 

9. Als Hospitalero zu Gast

Gute Erfahrungen haben wir mit freiwilligen Helferinnen und Helfern in unserem Haus gemacht. Neben den interessanten Erlebnissen mit Menschen aus aller Welt, sind es wohl die dankbaren Momente, die einem über den Tag hinaus bleiben. Da unser zusätzliches Gästehaus inzwischen gut und weiträumig ausgestattet ist, finden dort 1 oder 2 Personen Platz. Separater Eingang, eigenes Badezimmer, TV und Internet stehen zur Verfügung, ebenso alle Einrichtungen im Haupthaus sowie Garten und Pool. Etwas Erfahrung mit anderen Pilgern und den Pilgerwegen sind von Vorteil, wie auch ausreichende Fremdsprachenkenntnisse, vor allem in Englisch. 

Wer sich für einen Besuch auf unserer Quinta das Leiras in Rubiães als Herbergseltern interessiert, wende sich bitte an:
Familie Heidi und Helmut Henningsen
Per Email: pilgern@calma-reisen.de
Tel. 06421-7295 oder 0174 323 94 36
Im Internet: www.quintadaleiras.com