Pilgerwege

Camino Vasco Interior - von Irun nach Burgos in 12 Tagen

Diesen „alternativen Weg über die Pyrenäen“ bin ich bereits vor einem Jahr gegangen, im Mai 2019. Aber ich kam nicht dazu, wie sonst bei meinen bisherigen Caminos,  zeitnah einen Bericht darüber zu schreiben. Wenn uns in diesem Jahr 2020, und jetzt auch noch 2021, durch den Corona-Virus doch viel genommen wurde, so hat er uns doch eins geschenkt: mehr Zeit für uns zu Hause. Und so möchte ich das nutzen und darf beim Schreiben nochmal eintauchen in die Schönheiten, aber auch Schwierigkeiten dieses historischen Weges, der auch Camino de Bayona oder Camino del Tunel de San Adrian genannt wird. Schon seit römischen Zeiten war es ein wichtiger Handelsweg von Süd nach Nord oder umgekehrt, und ab dem Mittelalter zogen immer mehr Pilger aus Nordeuropa über diese Straße in Richtung Santiago de Compostela, auf einem Weg über die Pyrenäen, der nur auf  knapp 1100 Höhenmeter ansteigt und so leichter zu begehen ist wie die anderen Pyrenäen-Übergänge, auch im Winter.

Am 18.5. 2019 beginnt unsere Pilgerreise, zusammen mit langjährigen Pilgerfreunden aus Bordeaux, die uns nur die ersten beiden Tage begleiten können, und einer Pilgerin, die wir 2017 auf der Via de la Plata kennengelernt hatten. Unsere erste Nacht verbringen wir in der neuen und geräumigen Pilgerherberge in Irun, mit „Pilger-feeling pur“, volle Schlafsäle,  Schnarchkonzerte, Waschraumgedrängel. So, wie wir es auf anderen Wegen schon oft erlebt hatten. Aber das sollte das einzige Mal mit so vielen Pilgern unter einem Dach sein. Diese wollen am nächsten Tag alle auf den Camino del Norte nach Santiago starten!

Für unseren ersten Pilgertag ist Regen angesagt! Aber dass es dann so schlimm kommt, haben wir nicht erwartet!  Direkt nach Irun geht es in die Berge hinauf, bei gutem Wetter sicher ein herrlicher idyllischer Weg auf kleinen Pfaden durch Wiesen und dichte Wälder, an kleinen Ortschaften vorbei. Aber der Regen, oder besser gesagt, die Dauer-Wolkenbrüche, verwandeln die Wege schnell in Bäche und kleine Flüsse. Brücken sind nicht mehr zu überqueren, die tiefhängenden Wolken versperren jede Sicht, und schon nach kurzer Zeit sind wir alle bis auf die Haut durchnässt. Da werden die fast 25 km bergauf-bergab doch sehr lang und ermüdend  und wir ersehnen die Ankunft im Trockenen. Santiagomendi heißt  unser Ziel, eine alte Eremita, umgebaut zu einer einfachen Herberge. Leider ist sie kalt und nicht sehr sauber, wir bekommen den Gasherd für einen warmen Tee nicht an, und wo sollen wir hier unsere nassen Kleider und Schuhe trocknen? Erst als nach einiger Zeit die Herbergsmutter vorbeikommt, uns Heizung und Gasherd erklärt, kehren die Lebensgeister zurück. Und belohnt für unsere Mühen werden wir später am Abend mit dem Aufklaren des Himmels und einem herrlichen Sonnenuntergang, dazu der Blick auf die faszinierende Bucht von San Sebastian und das Meer in der Ferne.

Der Morgen erwartet uns mit getrockneten Sachen und viel besserem Wetter. Wir laufen Feld- und Wiesensträßchen zwischen saftigen Weiden wieder abwärts, immer mit  Aussicht auf das nahe San Sebastian und die es umgebenden Hügel. Bald sind wir hinabgestiegen bis ins Tal des Oria, an dessen Ufer wir die nächsten Tage entlang wandern werden. Leider hat sich hier sehr viel Industrie angesammelt mit den unterschiedlichsten Gebäuden und Verkehrswegen, darunter auch die „Bidegorri“,  rot asphaltierte Wege für Radfahrer,  die für Wanderer doch recht mühsam werden können. Fast sehnen wir uns nach den nassen, weichen  Waldwegen von gestern. In dem hübschen baskischen Ort Hernani verlassen uns unsere Freunde aus Bordeaux, um mit dem Zug zurück  zu fahren. Wir haben noch etliche Kilometer auf den „Bidegorri“ vor uns, mit mittlerweile heißer Sonne und vom Vortag müden Beinen.

Doch dann erreichen wir doch nach fast 30 km unser Etappenziel Tolosa, und gönnen uns heute Abend ein kleines, aber feines Hotel direkt an der Plaza Mayor. Und wir genießen den Unterschied zum vorigen Abend. Ein kleiner Stadtbummel durch die hübsche Altstadt und über die historische Oria-Brücke, danach ein leckeres Pilgermenu, und wir drei Pilger sind wieder mit uns und unserem Pilgerdasein im Reinen!

Nach einer erfrischenden ruhigen Nacht machen wir uns gestärkt wieder auf den Weg, der uns aber wiederum den ganzen Tag lang durch das Oria-Tal, eines der reichsten und besiedeltesten Täler des Baskenlandes führt, entlang der Straße auf dem abgetrennten Fahrrad und Wanderweg. Abseits der Hauptstraße lädt uns das hübsche Dorf Alegia mit den zum Teil herrschaftlichen, blumengeschmückten Häusern zu einer Rast ein. Wir beschließen am Mittag, die letzten Kilometer dieser ermüdenden Etappe mit dem Bus zu fahren, doch leider verpassen wir ihn um ein paar Minuten.

Bevor wir jetzt 2 Stunden auf den nächsten warten, schultern wir wieder unsere Rucksäcke: ultreia – immer weiter- heißt es, und nach der Durchquerung der unerwartet großen und langgezogenen Stadt Beasain erreichen wir unser Etappenziel:  das kleine historische Dorf  Igartza, mit Gebäuden, Gärten und Brücken aus dem 16.Jahrhundert, liebevoll restauriert. Und wie freuen wir uns über eine richtige kleine Pilger-Herberge in einem der alten Häuser am Fluss,  mit freundlichem Empfang durch Herbergseltern und einem schönen hellen Schlafsaal. Hier fühlen wir uns wohl, können die Natur und Stille genießen, Tagebuch schreiben, malen, ein gemeinsames Abendessen vorbereiten. Hier treffen wir auch unseren ersten und einzigen Pilger, Antonio aus Gran Canaria, dem wir in den kommenden Tagen immer wieder mal begegnen werden.

Am nächsten Tag können wir endlich dieses zugebaute Oria-Tal verlassen, und schnell führt uns schmale Weg stetig ansteigend in die grünende Natur, am Horizont sehen wir schon die Berge, die es morgen zu überqueren gilt. Wir wandern vorbei an blühenden Wiesen und Weiden mit vielen Tieren und an einzelnen weitläufigen Gehöften in typisch baskischer Bauweise. Auch von der Sonne und dem blauen Himmel werden wir heute verwöhnt. Ganz besonders ist das Städtchen Segura, das uns mit kleinen Plätzen, alten, engen Gassen und trotzdem vielen herrschaftlichen Gebäuden, den „Palacios Indianos“ beeindruckt, Häuser von einst nach Südamerika ausgewanderten und dann wohlhabend zurückgekehrten Basken, auch heute noch reich verziert mit dem Familienwappen und vielen Ornamenten. Leider ist auch hier die große gotische Kirche geschlossen, wie leider fast alle auf diesem Camino.

Schnell geht dieser schöne Pilgertag in unserem Zielort Zegama zu Ende. Wir sollen laut Pilgerführer für die Übernachtung in einer Sporthalle den Schlüssel in einer Pension abholen. Aber die Unterkunft ist wegen Umbauten geschlossen. Zuerst lange Gesichter, dann ungläubiges Staunen, als wir den Schlüssel für eines der komfortablen  Pensions-Zimmer bekommen und die Gemeinde die Kosten voll übernimmt . Eine echte Pilger-Überraschung!

Am nächsten Morgen brechen wir in der Morgendämmerung auf: heute liegt die „Königsetappe“ des Camino Interior vor uns: die Überquerung der Pyrenäen durch den Tunnel San Adrian, aber auch ein steiler Aufstieg bis auf 1100 hm mit einer  Etappenlänge von etwa 24 km. In der Ferne sehen wir schon das Felsmassiv des Aizkorri-Gebirges, zu dem wir hinaufsteigen müssen und schon bald umfängt uns die Stille einer wunderbaren Naturlandschaft: kleine Pfade mit alten Steinbrücken durch plätschernde Bergbäche,  Weiden mit Tieren, immer schönere Blicke hinunter auf das Tal von Zegama, plötzlich ein dichter Buchenhain, mit uralten, knorrigen Bäumen, ein magischer Ort zum Verweilen. Die 2 Stunden bis nach oben erscheinen uns ob all dieser Schönheiten sehr kurz. An der Eremita Sancti Spiritu machen wir eine kleine Pause und sehen vor uns schon die steilen Felswände und die Öffnung des Tunnels San Adrian.

Nur noch 700m, dann stehen wir vor davor: eines der besonderen Naturdenkmäler des Caminos: dieser natürliche Durchgang, der schon vor den Pilgern jahrhundertelang von Hirten, Händlern und Soldaten genutzt wurde. Die Eingangshöhle bot Schutz, ebenso wie die mehrfach umgebaute kleine Kapelle, deren Vorderseite eine steinerne Jakobsmuschel ziert.  Schnell ist der Tunnel durchschritten, und uns empfängt eine grüne Hochweide, mit großen Findlingen, die uns zu einem ausführlichen Picknick einladen. Wir vergessen fast die Zeit hier oben, doch nach 2 Stunden „Auszeit“ an diesem sonnigen, idyllischen Platz müssen wir uns sputen, denn wir haben noch nicht einmal die Hälfte des Weges geschafft. Und wie so oft, wird dieser 2. Teil deutlich mühsamer. Zuerst geht es recht anstrengend über Reste einer mittelalterlichen Straße mit großen Steinblöcken (oder sogar einer Calzada Romana), dann steil hinab auf erst morastigen und dann sehr steinigen Wegen bis nach Zalduondo, wo uns in der einzigen Bar dieses etwas trostlosen Dorfes auch noch eine sehr unfreundliche Wirtin nicht gerade die Stimmung aufhellt. Jetzt bleiben noch fast 8 km asphaltierte Landstraße durch die Ebene  La Alava. Neben der Landschaft mit weiten Ackerbauflächen hat sich auch das Wetter geändert, wir müssen sogar noch den Regenschutz hervorholen. Unser Ziel, Salvatierra, empfängt uns mit Stadtgetriebe, einer einfachen Pilgerherberge am Sportplatz und einem kräftigen Essen an der Tankstelle nebendran.

Der nächste Tag beginnt mit Nieselregen und Wandern auf kleinen, meist asphaltierten Straßen. In einer leicht gewellten Landschaft wiegen sich die grünen Getreidefelder wie Wellen im Wind, durchsetzt von den roten Tupfern der Mohnblüten. Immer wieder sieht man von weitem schon die mächtigen „Festungskirchen“. Wenn wir davor stehen, können wir auf Infotafeln lesen, was es dort drinnen für kostbare Kunst- und Kirchen-Schätze zu bewundern gibt --- aber leider ist alles geschlossen.  Das drückt heute besonders auf meine Stimmung, denn ein kurzer Aufenthalt in einer Kirche oder Kapelle mit einem Moment des Innehaltens und Gebetes gehört für mich auf meinem Pilgerweg dazu. So schade, dass es hier nicht möglich ist. Leider kommen wir am heutigen Regentag an keinem Dorf mit einer offenen Bar zum Aufwärmen vorbei, also weitermarschieren trotz feuchter Kälte und die Zähne zusammenbeißen. Doch dann hat ein netter Autofahrer Mitleid mit uns und nimmt  uns die letzten Kilometer durch die Industriegebiete der großen Stadt Vitoria Gasteiz bis ins Zentrum mit. In der dortigen Jugendherberge finden wir eine gute Unterkunft. Das Regenwetter lädt leider gar nicht ein, die interessante Altstadt zu besichtigen, bis auf die offene! Kathedrale Santa Maria und die Kirche San Miguel mit ihrem faszinierenden Hochaltar. Ein Pilgermenu finden wir an diesem Samstagabend hier nicht, so reicht uns eine Pizza to go, die wir im Speisesaal der Jugendherberge verzehren.

Schnell geht es am Morgen durch grüne Parks und Alleen hinaus aus der Stadt Vitoria, die wir leider unter nicht so guten Wetter-Bedingungen nur wenig  erleben konnten. Es ist wieder bedeckt und nieselig, der feuchte Sandweg führt und hügelauf und wieder hügelab in ein neues Tal – Natur pur, ohne jegliche Industrie. Bei einer Pause in Villanueva de la Oca, einem kleinen, halb verlassenen Ort, kommen wir ins Gespräch mit einem 94jährigen Einheimischen, der uns von seinem Leben in seinem Dorf erzählt und sich freut, dass Fremde vorbeikommen.

Nach 22km kommen wir in La Puebla de Arganzon an, wo wir eine einfache, aber mit 4 Zimmern zu je 4 Betten, eine geräumige Herberge finden. Unser Gran Canaria Pilger Antonia ist auch wieder da. Am Abend gibt es eine Fiesta auf dem Kirchplatz (Kirche deshalb geschlossen!) und die beiden einzigen Bars sind gut gefüllt. Aber wir 4 Pilger finden noch einen Platz und genießen den freundlichen Service der Kellnerin, das einfache, aber leckere Essen und das pulsierende spanische Leben außen und innen.

Heute sind es nur 20km bis Miranda de Ebro. Wir verabschieden uns von Antonio, der die alternative Route des Camino Interior über Santo Domingo de la Calzada nimmt, während wir drei die Richtung direkt nach Burgos einschlagen. Wieder durchqueren wir sanfte Hügelketten und kleine, sonntags-verlassene Dörfer, in denen auch die Bars noch schlafen. Und wieder über uns ein wolkenverhangener grauer Himmel, aus dem es mal mehr, mal weniger tröpfelt, dazu ein unangenehmer Wind. Um 13 Uhr sind wir schon am  Ziel, wo wir vor einer kleinen, aber besonderen Herberge noch 1 Stunde warten müssen, bevor der Präsident des örtlichen Pilgervereins,                    S. Terrazas Baron uns öffnen kann. Er ist der Initiator dieses mitten in der Stadt liegenden Hauses, das durch  viel Engagement und Spenden seitens des Vereines gebaut werden konnte und alles hat, was sich ein Pilgerherz wünscht: 2 saubere moderne Zimmer mit je 4 Betten, eine kleine Küche mit den notwendigen Utensilien, ein schöner, heizbarer Aufenthaltsraum, Informationsmaterial und persönliche Ansprache durch den Präsidenten. Prima, hier fühlen wir uns wohl. Der Rundgang durch die Stadt enttäuscht uns allerdings etwas: es gibt kein schönes altes Zentrum, viele der Gebäude sind am Zerfallen, und die Kirchen geschlossen, das Portal der romanischen Kirche Espiritu Santu ist aber sehr sehenswert! Wir kräftigen uns in einer urigen „Bar de jamon“.

Nach einer guten Nacht in unserer komfortablen Herberge nehmen wir gestärkt die nächste Etappe in Angriff. Zum Glück wird das Wetter zusehends besser, immer wieder blitzt die Sonne durch die Wolken und lässt die grüne Hügellandschaft aufleuchten. Wir laufen jetzt auf angenehmen Feldwegen und freuen uns über die vielen Margeriten und Mohnblumen an den Feldrändern. In der Ferne sehen wir jetzt schon die Berge und den Einschnitt, durch den wir auf die Hochebene vor Burgos hinauf müssen. Ich bin etwas besorgt, denn genau durch diese Schlucht gehen die Verbindungen von Vitoria- Gasteiz nach Burgos: Autobahn, Nationalstraße und Eisenbahn. Mit dem Auto bin ich hier schon öfters gefahren und war beeindruckt von den Felswänden rechts und links. Aber wie wird es zu Fuß sein? Werden wir uns zwischen Autobahn und Straße und mit Verkehrslärm hinaufquälen müssen?  Doch wie überrascht sind wir, als sich ein kleiner, fast verwachsener Pfad zwischen den Felsen in die Schlucht hinein schlängelt und neben dem Flüsschen  Oroncillo stetig leicht ansteigt. Die Straßen sind hoch über uns oder in Tunneln versteckt. Plötzlich stehen wir auf einer grünen Lichtung vor der alten „Eremita de la Virgen del Camino“, ein leuchtendes Kleinod zwischen dunklen Felswänden und ein Kraftort zum Innehalten und Meditieren.

Danach  verlassen wir allmählich das Tal, unterqueren noch die imposanten Brücken von Bahn und Autostraße und erreichen bald das hübsche Bergdorf Pancorbo, das uns mit seinem schönen Zentrum, den alten Häusern, der mächtigen Kirche (geschlossen!)  und einem kleinen Schlafsaal in einer alten „Albergue“ einen guten Ausklang dieses Tages beschert.

Heute verläuft unser Weg  fast die ganze Zeit in Sichtweite der Autobahn und der Bahnlinie. Neben ihnen arbeiten wir uns langsam auf die Hochebene hinauf – die Meseta von Burgos kündigt sich schon an: weite, leicht gewellte Getreidefelder, manche noch in hellem Frühlingsgrün, andere färben sich schon ins Gelbliche. Hinter uns die schwarzen Felsen von Pancorbo, vor uns nur noch Weite. Die wenigen kleinen Dörfchen wirken verlassen, wir sehen nur selten Einheimische und offene Bars erst recht nicht. So bleibt uns nur unser Picknick auf einer leeren dörflichen „Plaza Mayor“, und schon früh treffen wir in Briviesca ein. Die Herberge ist wirklich etwas „Besonderes“, ein kleines Appartement in einer großen Wohnanlage. Es dauert lange, bis wir den richtigen Ansprechpartner für den Schlüssel finden, sogar die Polizei hilft uns dabei. Endlich lässt uns der Betreuer in die Wohnung, die mit zwei  4-er Schlafräumen zwar geräumig, aber leider gar nicht sauber ist, und zudem auch ziemlich kalt. Wir sind hier immerhin auf fast 800 hm. Im Zentrum ist endlich die große Iglesia de SanMartin geöffnet und wir finden gemeinsam einen Ort der Ruhe. Auch die baumbestandene Plaza Mayor gefällt uns gut, während die übrige Stadt uns wenig belebt und schlecht erhalten scheint.

Die Nacht ist etwas kühl, aber trotzdem machen wir uns gutgelaunt auf den Weg, denn wir wählen eine Variante des Weges, die uns fernab von Straßen und Bahn wieder durch schöne Natur führen soll. Und so ist es dann auch. Zuerst geht es zwischen Hügelfeldern stetig hinauf auf fast 900hm, dort finden wir uns auf einer kargen, baumlosen Fels- und Heidelandschaft wieder. Wieder durchqueren wir kleine Dörfer, in denen aber viele der alten Häuser schon teilweise eingefallen sind. Nur einige der Kirchen wurden aufwendig restauriert, ein schöner Anblick von außen, aber leider wieder kein Zutritt. Nach 15km finden wir endlich in Quintanavides eine offene Bar, in der wir uns mit einem leckeren Bocadillo stärken. Jetzt treffen wir auch wieder auf Autobahn und Nationalstraße, die uns aber nur noch die letzten 5 km begleiten. Und schon sind wir in Monasterio de Rodilla, einem hübschen Straßendorf an der N1, mit der sehenswerten Kirche Santa Maria Magdalena aus dem 16. Jahrhundert. Und wir haben das Glück, dass uns die Messnerin, die gerade den Vorplatz fegt, die Kirche öffnet und sogar eine kleine Führung macht, um uns die Kostbarkeiten zu erklären, wie zum Beispiel die beeindruckende romanische Marien-Statue, ein schöner Moment, fast am Ende diese Pilgerweges. Auch die kleine Herberge empfängt uns warm und freundlich, wie in den letzten Tagen sind wir wieder die einzigen Pilger hier.

Heute wird unser diesjähriger Pilgerweg zu Ende gehen, aber es liegen noch über 30 km vor uns. Wir starten frohgemut um 6 Uhr in den frühen, noch recht kalten Morgen hinein. Was für eine schöne Stimmung, als die aufgehende Sonne die Felsen zu unserer rechten Seite glutrot anleuchtet!  Die mächtige „Eremita de la Virgen de la Valle“ ist wieder so ein Kraftort, an dem ich gerne länger verweilen würde. Aber der Weg ruft uns weiter!

Wir steigen bis zu der Hochfläche auf 1000m auf, die Sonne wärmt uns jetzt schon den Rücken und strahlt von einem tiefblauen, wolkenlosen Himmel! Wir staunen, auch als ein Wildschwein und zwei Rehe unseren Weg kreuzen. An einem imposanten Windpark vorbei, treffen wir wieder kurz auf die N1, doch dann geht auf geradem Feldweg durch endlose Getreidefelder, wir befinden uns auf historischen Pfaden: der römischen „Via Italia“ , mit Steinresten, Meilensteinen und vielen Informationstafeln. Jetzt wird es zum ersten Mal auf unserem Pilgerweg richtig heiß, und es gibt hier oben keinen Schatten.

Aber wir schreiten trotzdem gut motiviert voran und haben schon bald unser Ziel, die Türme der Kathedrale von Burgos vor Augen. Und doch dauert es noch viele Kilometer. Aber anders als über den Camino Frances, der durch Vororte und Industrie in die Stadt führt, kommen wir über den kleinen Vorort Villabilla an den  Rio Vena und wandern an seinem Ufer unter Bäumen und durch kleine Parkanlagen  etwa 5km bis direkt in die Altstadt von Burgos hinein. Nun fehlen nur noch wenige Meter und wir stehen vor der Kathedrale, auch nach mehrmaligen Besuchen immer noch atemberaubend! Unser Camino ist zu Ende, wir sind glücklich und dankbar!

Fazit: Der Camino Vasco Interior ist eine gute Alternative zum Camino Frances von St. Jean Pied de Port bis Burgos. Er ist weniger anstrengend, da nicht so viele Höhenmeter, gerade  am Anfang , überwunden werden müssen. Und er ist vor allem sehr ruhig: unterwegs haben wir gar keine anderen Pilger getroffen, in den Herbergen (bis auf Antonio) auch nicht, man muss nicht reservieren, es gibt genug Unterkunftsmöglichkeiten, aber in ganz unterschiedlicher Qualität. Auch der Weg ist sehr verschieden, wie beschrieben: Stark besiedelte Landschaften wechseln mit ruhiger Natur ab, asphaltierte Wege mit Sand- und Feldwegen. Er ist sehr gut und durchgehend ausgeschildert. Er führt durch die 3 Regionen Baskenland, Rioja und Castilla y Leon. Die Etappenlänge beträgt im Durchschnitt um die 20 km, mit 3 längeren Tagen über 25 km. Gesamtstrecke ca. 280km.

Stuttgart, im März 2021
Almut Holtmann-Bélard, Pilgerberaterin