Pilgerwege

VIA DE LA PLATA, Camino der Einsamkeit

02.05. - 13.06.2017

Die Via de la Plata, die Silberstraße, oder die „Bal´latta , der breite gepflasterte Weg (ein maurischer Name dieses Handelsweges aus römischen Zeiten), also der Pilgerweg, der von Sevilla über 950km nach Santiago de Compostella führt, schien uns lange eine Herausforderung, vor der wir zurückscheuten, wenn andere Pilger von den endlosen Weiten, den langen Etappen, der Einsamkeit, der Hitze, den nicht sehr zahlreichen Herbergen auf diesem Camino berichteten.

Doch im Frühjahr 2017 wollten wir es wissen: schaffen wir das? Und bestärkt durch die Freude über die Begegnung mit den faszinierenden Landschaften, den geschichtsträchtigen Städten, den freundlichen Menschen, starten wir, mein Mann und ich, am 2.Mai 2017, allerdings nicht von Sevilla aus, dem eigentlichen Startpunkt des Weges, die Stadt ist wegen seiner berühmten Feria total überfüllt, einschließlich der Unterkünfte. Immerhin haben wir es geschafft, in der Kathedrale noch unseren ersten Stempel in den Pilgerausweis zu bekommen, und dann geht es mit dem Auto eine Etappe weiter bis nach Guillena, eine kleine andalusische Stadt mit weißen Häusern unter strahlend blauem Himmel.

Vor dem Aufbruch am ersten Pilgertag grummelt es bei mir immer ein bisschen im Bauch und Fragen drehen sich im Kopf, wie es auf dem Weg diesmal sein wird und ob die Kräfte ausreichen werden. Doch kaum habe ich den Rucksack auf dem Rücken und die ersten Schritte in der Morgenfrische aus der Stadt heraus gemacht, überwiegt die Vorfreude auf all das, was der Camino uns schenken wird.

Und das ist eine ganze Menge in den kommenden 43 Tagen! 

Andalusien, die erste spanische Region, die wir in den nächsten Tagen durchqueren, verwöhnt uns gleich mit einer wunderschönen, leicht hügeligen Landschaft: der Weg schlängelt sich durch die Dehesas, lichte Wälder mit uralten Stein- und knorrigen Korkeichen, unter denen unzählige Tiere ein freies Leben führen : die schwarzen Schweine suchen nach den Eicheln, ihrer Lieblingsnahrung.

Kühe und Schafe finden Schutz vor der Sonne im Schatten der Baumkronen. Im Naturpark Sierra Norte empfängt uns Einsamkeit, intensives Vogelgezwitscher, Frühlingsblumen in allen Farben am Wegrand: Natur pur fern der Zivilisationshektik. Ein jähes Erwachen und Innehalten am Fuße des steilen Cerro de Calvario: ein Grabstein zeigt uns an, dass ein Pilger hier seinen Camino beenden musste. Sicher ist er mit genau so viel Hoffnung und Freude auf dem Weg gewesen wie wir jetzt und musste doch an diesem Ort Abschied nehmen von der Fülle des Lebens. Unsere Gedanken an ihn begleiten uns auf unserem weiteren Weg.

Wie schön sind auch die andalusischen Dörfer mit ihren weißen, oft kubischen Häusern, ein faszinierender Kontrast zu dem dunkelblauen Himmel über ihnen! Von den Menschen hier werden wir liebevoll in Herbergen und Gasthäusern empfangen und verwöhnt. Alle berichten, dass in den letzten 2 Jahren ein deutlicher Anstieg der Pilger auf der Via de la Plata zu verzeichnen ist. Aber noch kommt es auf unserem gesamten Weg  nie zu Engpässen bei der Bettensuche, und während unserer langen Stunden auf dem Camino sehen wir nur selten andere Pilger vor oder hinter uns.

Als wir Andalusien verlassen und in die Extremadura, eine der ärmsten Regionen Spaniens, eintauchen, verändert sich die Landschaft allmählich: der Baumbestand der Dehesas wird spärlicher, es tauchen Olivenbäume, die ersten Weizenfelder und später Weinplantagen auf. Fast eben zieht sich dann der Weg bis zum Horizont, es gibt Etappen von 30km, bei denen wir kein Dorf passieren, keine Straße kreuzen, keine Wasserstelle finden, keinen anderen Pilger überholen und der Camino schnurgerade vor uns liegt.

Hier spüre ich die besondere Herausforderung dieses Jakobsweges: ich bin auf mich selbst zurückgeworfen, habe Zeit, in mein Inneres zu schauen und dort zur Ruhe zukommen. Ich lerne, auf Kleinigkeiten am Wege zu achten und mich über sie zu freuen: ein länglicher schwarzer Käfer mit roten Tupfen, eine Distel mit besonders geometrisch geformten Blättern, eine bizarr gewachsene Korkeiche.

Und dann die Freude anzukommen, in den kleinen stillen Dörfern oder den „historischen Perlen“ am Weg, z.B  Zafra mit dem wuchtigen Alcazar und den beiden hübschen Plätzen Plaza Grande und Plaza Chica, wo wir nach der Einsamkeit des Weges in das pulsierende spanische Leben eintauchen dürfen. Diese Gegensätze, die wir immer wieder erleben, machen die Via für mich so besonders.

Nach den vielen Sonnentagen, zum Glück in dieser Zeit noch nicht zu intensiv, gibt es auch mal Regen und wir kämpfen uns durch die Tierra de los Barros, das „Lehmland“, was bedeutet, dass die Schuhe bei jedem Schritt schwerer werden und immer wieder „entlehmt“ werden müssen. Die Belohnung danach sind die beeindruckenden römischen Ruinen in Mérida. Seit über 2000 Jahren stehen da viele Steine des Amphitheaters, der Tempel, des Aquädukts, der mächtigen Brücke immer noch aufeinander. Und was ist dagegen mit den Bauten unserer letzten hundert Jahre?

Einen besonderen Empfang erleben wir bei Dorothea in Alcuéscar in ihrer kleinen privaten Herberge, mit einfachen Schlafräumen, aber einem exquisitem,  von ihr selbstgekochten Abendessen am stilvoll gedeckten Tisch, und anschließender kompetenter Beratung für die weiteren Etappen.

Und dann Cáceres! Eine Stadt, die uns eine Reise ins Mittelalter ermöglicht, mit dem Barrio Monumental, der Altstadt, in der wirklich die Zeit still zu stehen scheint, vor allem abends, wenn nur wenige Laternen die Häuser, Paläste und Kirchen beleuchten. Wie schade, dass nach einem Abendessen in einer der alten Gassen mein Magen verrückt spielt und mich das für die nächsten Tage leider begleitet.

Einer der Höhepunkte der Via de la Plata ist die Etappe, wo der Camino  direkt durch den Arco de Cáparra führt, ein noch gut erhaltener römischer „Gedenkbogen“ und wie ein Symbol für diesen Weg. Eine wunderschöne Etappe erwartet uns, aber auch eine große Herausforderung: 40 km liegen vor uns, ohne Versorgungsmöglichkeit, also zusätzliches Rucksack-Gewicht. Aber die Schönheit dieses Abschnittes entschädigt uns bald dafür, alleine mit uns und der Natur: uralte Steineichen, riesige bemooste Granitfelsen,   krumme Steinmauern säumen den Wiesenpfad mit hellgrünem Gras und bunten Blumentupfern. Eine verwunschene unberührte Welt, noch bereichert durch den Gesang der Vögel und das Muhen einzelner Rinder. Und dann stehen wir unter dem Arco, andächtig, bewundernd und uns klein fühlend, aber auch stolz, denn fast  die Hälfte unseres Jakobsweges ist jetzt geschafft!

Nach 20 Tagen auf dem Camino verlassen wir nun die Extremadura und kommen in die Region Kastilien und Leon. Unsere erste Unterkunft dort in Fuenterroble de Salvatierrra  hat mich tief berührt: das Pfarrhaus von Don Blas, eine richtige Pilgerherberge im Geiste der Pilgertradition, die einzige dieser Art, die wir auf der Via de la Plata angetroffen haben: freundlicher Empfang von internationalen Hospitaleros,  großer, aber reich und originell bemalter Schlafsaal, gemeinsames und liebevoll serviertes Abendessen und Frühstück in einem „Pilgersaal“ mit vielen  Erinnerungen vom Camino, danach Führung durch die alte, wunderschöne Kirche und als Höhepunkt eine Pilgermesse von Don Blas für uns ca. 20 Pilger, mit  Abendmahl und Pilgersegen. Was für ein Reichtum!

Jetzt heißt es erst noch einen Pass zu überwinden, hinauf zum Cruz de Santiago (1150m) auf der Sierra de la Duena, dann lange, gerade „Durstrecken“ auf schnurgeraden Asphaltstraßen, noch eine Übernachtung in der einfachen Herberge im kleinen Dorf Morille, und schon wartet am nächsten Tag ein weiterer Höhepunkt auf uns, den wir uns aber erst noch lange geradeaus wandernd verdienen müssen: Salamanca,  die älteste Universitätsstadt Spaniens.

Wieder so ein Gegensatz: gestern in dem kleinen, fast menschenlosen Morille, und jetzt laufen wir über die vielbogige Steinbrücke direkt in das Herz der Altstadt, wo Hunderte von Touristen und Studenten sich auf Straßen und Plätzen drängen und die Schaufenster der Läden voller Verlockungen sind. Das alles erschlägt uns fast und wir steuern erst mal unser kleines Hostal an, wo wir 2 Nächte verbringen werden. So können wir am nächsten Morgen ausgeruht einige Kostbarkeiten dieser Stadt anschauen: die riesige Plaza Mayor, die Casa de las Conchas, die vielen Paläste und kleinen Gassen, und natürlich vor allem die alte und neue Kathedrale mit ihren Schätzen. Lange bleibe ich vor der Kapelle der Heiligen Theresa stehen und höre Worten von ihr im Audioguide zu, die mich tief bewegen und die ich auf den Rest meines Weges mitnehmen werde:

Macht eure Seele weit und eure Träume nicht klein. Öffnet euch für die Zukunft. Seid feste in der Entscheidung, nicht aufzugeben, egal, was die anderen sagen, selbst wenn sich der Pfad verliert, selbst, wenn ihr keine Kraft mehr habt, selbst wenn die Welt untergeht. Gebt nicht auf, bis ihr an der Quelle des Lebens angekommen seid.

So faszinierend Salamanca auch ist, so froh sind wir dann doch, wieder in die Stille der Landschaft eintauchen zu können. Wir durchqueren unscheinbare, teils zerfallene und trostlose Dörfer fast ohne Einwohner, übernachten in rustikalen Herbergen, verpflegen uns mit dem einfachen Menu del Pelegrino in der jeweils einzigen Bar der Orte, um danach wiederum in den Zauber einer anderen mittelalterlichen Stadt einzutauchen: Zamora, die kleine Schwester Salamancas, aber ohne ihren Touristentrubel. Nach Besichtigung und leckerem Menu auf der Plaza Mayor verbringen wir  die Nacht liebevoll betreut von 3 Hospitaleras in einem schönen und alten Gemäuer, der Pilgerherberge, mitten im Zentrum der alten Stadt.

Der nächste Morgen weckt uns mit Donner und Blitz, und kaum haben wir die Herberge verlassen, gibt es einen Wolkenbruch und Windböen, was  uns trotz Regenschutz in Kürze bis auf die Haut durchnässt. Doch auch das gehört zum Camino, und da es der einzige in dieser Heftigkeit bleiben wird,  können wir wirklich nicht klagen. Zudem später die Sonne wieder rauskommt und einen großen Teil unserer nassen Sachen während der Mittagspause trocknet.

Große Freundlichkeit erfahren wir auch in der kleinen kommunalen Herberge in Tabara: Pedro empfängt uns mit einem erfrischenden Tee, macht unsere Wäsche für uns – keine Chance, es wie sonst selber zu machen! – und kocht danach eine scharfe Chilisuppe und eine leckere Paella, außerdem dürfen wir noch verschiedene seiner Kräuterliköre probieren, danach lässt es sich gut schlafen.

Die Landschaft ändert sich wieder, der Weg über die Sierra de las Cavernas hinab ins grüne Tal der Tera sorgt für willkommene Abwechslung. An der romanischen Kirche in Santa Marta de Tera können wir eine Jakobusstatue aus dem 11.Jh bewundern, die als die älteste erhaltene Steinfigur des Santiago Peregrino gilt. Der Weg danach führt durch grüne Pappelwälder und an Bewässerungskanälen entlang, aus denen die Bauern das Wasser für ihre fruchtbaren Gärten ableiten. An verschiedenen Stauseen geht es nun vorbei, bei denen der niedrige Wasserstand den Regenmangel dieses Jahres anzeigt: in manchen Regionen hat es seit dem vergangenen Winter gar nicht geregnet.

In Vilar de Farfon, einem Dorf mit nur noch 15 Einwohnern und vielen Häuser-Ruinen finden wir Obdach bei Craig und Dorothea aus Südafrika. Nachdem sie die Via de la Plata gepilgert sind, haben sie beschlossen, in Spanien zu bleiben und eine Herberge aufzubauen. Mit viel persönlichen Einsatz ist so ein Kleinod am Weg entstanden: ein offener Ess- und Aufenthaltsraum, in dem der Hausherr uns lecker bekocht und ein Schlafzimmer mit 4 Betten, alles liebevoll und individuell gestaltet, mit südafrikanischem Flair. Zudem gibt es einen Schrank voll Büchern in verschiedenen Sprachen zu Bibel- und religiösen Texten, inbegriffen intensive Gespräche über Gott, die Welt und das Pilgern. Auch dieser Abend hat tief in mein Herz hineingeleuchtet.         

Langsam nähern wir uns nun den galizischen Bergen, deren Höhenzug wir schon in der Ferne erkennen können. Wir freuen uns, dass wir die Ebenen, die Geradeaus-Wege, die Trockenheit verlassen können und nochmal eine ganz andere Landschaft kennenlernen. Es geht langsam, aber stetig bergauf, das Gras wird wieder grün, der gelbe Ginster ist voll aufgeblüht und wenn wir kleine Täler durchqueren müssen, plätschern muntere Bäche um unsere Füße. So arbeiten wir uns auf den höchsten Punkt unseres Pilgerweges vor, die Portilla de Padornelo (1352m), ein anstrengendes Unterfangen, doch der Blick von oben zurück auf die bewältigte Strecke und voraus nach Galizien, lässt uns die Mühen vergessen.

Am nächsten Tag gilt es nach dem Abstieg noch einmal hochzuwandern, auf den Puerto de A Canda (1260m). Und jetzt haben wir es geschafft: wir sind in Galizien, der letzten der zu durchwandernden Regionen. Das Ziel Santiago scheint uns zum Greifen nah, es sind „nur“ noch 217 km. Wie die Landschaft haben sich auch die Dörfer verändert: Steinhäuser mit Balkonen aus alten Holzbalken, Brunnen in Granitblöcke gehauen und immer wieder Hórreos, die typisch galizischen Mais- und Getreide-Speicher. Doch auch hier stehen viele Häuser leer, sind die Wände zerfallen oder die Dächer eingestürzt. Wir treffen einen alten Mann, der uns ein paar Kirschen schenkt und uns sagt, dass in seinem Dorf nur noch 8 Menschen leben, alles alte Leute.

Und doch gibt es einen Punto de Apoyo, eine kleine Pilgerstation mit Obst, Nüssen ,Keksen, Getränken, Pilgerbuch- und Stempel, die von einem Pilgerverein im Nachbarort betreut wird und hier auch einen wunderschönen Pilger-Picknickplatz eingerichtet hat. Der junge Mann, der gerade anwesend ist, erzählt, dass sich seine Assoziation zum Ziel gesetzt habe, das Leben im Dorf wieder zu aktivieren, und die steigende Anzahl der Pilger, die jetzt vorbeikommen, zu unterstützen. Aber zur Zeit sind wir auch in den galizischen Bergen tagsüber noch fast immer alleine unterwegs.

Auf dem nur noch kurzen Wegstück bis nach Santiago erwarten uns weitere besondere Orte, so zum Beispiel die urige Herberge von Louis im windigen Alberguaria auf fast 1000m Höhe: die Räume der Herberge in einem alten Steinhaus und der gegenüberliegenden Bar sind über und über mit Jakobsmuscheln verkleidet, auf denen jeder Pilger, der seit 2004 hier vorbeigekommen ist, sich mit seinem Namen verewigen konnte. So auch wir. Wo unsere Muscheln wohl ihren Platz finden werden?

Und dann die letzte große Stadt vor Santiago, Ourense, bekannt durch ihre Thermalquellen direkt im Stadtzentrum oder am Ufer des Rio Mino. Wir legen hier eine zweitägige Pause ein, denn mein linkes Bein braucht wegen einer beginnenden Sehnenentzündung eine Ruhepause. Danach muss es etwas langsamer vorangehen. Ein besonderer Halt ist für uns im Kloster Oseira, das immer noch von wenigen Zisterzienser-Mönchen bewohnt ist.  Wir können an einer Führung durch diese imposante Anlage aus dem 12.Jh teilnehmen und an der gesungenen Vesper mit den Mönchen. Danach heißt es frieren im dunklen, feuchten, aber sehr historischen Schlafsaal der Herberge. Mit einigen der neuen kommunalen Herbergen hier in Galizien haben wir trotz der schönen, großzügigen Gestaltung aber auch durchaus unsere Schwierigkeiten: die „Lichtorgel“ der Bewegungsmelder raubt uns buchstäblich den Schlaf!

Und dann, am 13.6.2017  haben wir es geschafft. Santiago de Compostella! Wir kommen von Süden in die Stadt, und anders als beim Camino Frances können wir hier wirklich die Türme der Kathedrale sehen, als wir vom gegenüberliegenden Hügel zum letzten Mal auf einem Stück römischer Straße zum Rio Sar hinunterlaufen, direkt in die Altstadt hinein. Ein paar Minuten später stehen wir vor der Kathedrale, ein immer wieder überwältigender Moment: Dankbarkeit, Freude, Stolz und all das Erlebte der letzten 43 Tage tief ins Herz eingraviert.

Danke Jakobus, für deine Wegbegleitung.

Almut Bélard, Stuttgart