Pilgerwege

A piedi a Roma!

Pilgern auf der Via Francigena  2014 und 2015
Almut Bélard, Stuttgart

Von Montreux zum Col du Grand St. Bernard

So geht es am 13. Juli 2014 los, direkt von der Haustür unseres Sohnes im Montreux, gemeinsam mit meinem Mann und mit Karin und Michel, zwei Pilgerfreunden aus Bordeaux. Zunächst wandern wir wunderschön am See entlang, im Hintergrund schon die Alpen, die es innerhalb der nächsten Woche zu überqueren gilt. Was für ein Glück, dass das Wetter immer stabiler wird und wir uns bei herrlichem Sommerwetter in den nächsten 6 Tagen auf den 2478 m hohen Pass hinauf arbeiten können.

Und der Weg ist weit weniger anstrengend, als wir befürchtet haben: stetig, aber nicht zu steil ansteigend, teils auf Wiesenpfaden oder Forstwegen, später ein schmaler Pfad, der sich über Almen und an einem Stausee entlang schlängelt, an bizarren Felsformationen vorbei, an blühenden Alpenrosen, versteckten Enzianen und einzelnen Schneefeldern. Und um uns herum atemberaubende Alpengipfel. Was für eine Freude dann, es geschafft zu haben und auf der Passhöhe im historischen Hospiz bei den Augustiner Chorherren so freundlich aufgenommen zu werden! Seit über 1000 Jahren ist es ein Haus des Schutzes und der Gastfreundschaft, dessen Türen immer noch Tag und Nacht für Hilfesuchende und Reisende geöffnet sind.

Vom Col du Grand St. Bernard zur Po-Ebene

Nur ein paar Schritte sind es am nächsten Morgen bis nach Italien: im Morgengrauen geht es über die grüne Grenze und dann steil hinunter ins Aosta-Tal. Und jetzt, hier im katholischen Italien, treffen wir zum ersten Mal richtige Pilger-Wegzeichen. Während die Via Francigena in der Schweiz eigentlich eher als Wanderweg mit der grünen 70 ausgezeichnet ist,  freuen wir uns in dem italienischen Bergdörfchen St. Rémy über ein Pilgermännchen-Symbol, das uns nun über Hunderte Kilometer als eines der Wegzeichen begleiten wird. Auch Informationstafeln zur Via Francigena, Kirchen mit wunderschönen Fassadenfresken und ab und zu eine Statue von Petrus oder Paulus zeigen an, dass wir nun wirklich auf einem Pilgerweg angekommen sind, der auch bei der Bevölkerung viel mehr im Bewusstsein ist als in der Schweiz. So gibt es freundliche Begegnungen und Gespräche mit Einheimischen, von denen wenige auch selber schon ein Stückchen auf diesem Weg unterwegs waren.

Die erste größere Stadt ist Aosta, mit reichlich römischer Geschichte und ihren immer noch davon zeugenden Bauten. Ganz besonders eindrücklich auf der Via Francigena – früher auch ein wichtiger römischer Handelsweg – sind die vielen Kilometer, die wir Pilger auch heute noch auf gut erhaltenem römischem Pflaster zurücklegen dürfen und die gut erhaltenen Bogenbrücken. Das Tal weitet sich nun, die Berge werden niedriger – obwohl der Pilgerweg immer noch tüchtig auf und ab geht, an alten Burgen, kleinen Dörfchen, lebendigen italienischen Städtchen, aber auch Industrie und Autobahn vorbei.

Durch die Po-Ebene

10 Tage nach unserem Aufbruch  erreichen wir die Po-Ebene, ein völliger Gegensatz zu den vergangenen Alpen-Tagen: bis zum Horizont weite grüne Flächen, von Wassergräben durchzogen, die sich beim genauen Hinschauen als Reisfelder entpuppen, für das köstliche Risotto, die Spezialität dieser Gegend. Aber auch diese zunächst eintönige Landschaft hat ihre Reize zum Entdecken: das lebendige Wasser mit dem komplizierten Bewässerungssystem, die vielen Blumen, Frösche, Vögel. Nur auf die Heerscharen von Mücken würden wir gerne verzichten – gemütliche Pausen können wir uns hier nicht leisten. Unser diesjähriges Etappenziel Vercelli sehen wir schon kilometerweit vorher, freundlich werden wir in einem alten Kloster aufgenommen, nach 14 Tagen Pilgerschaft und 290 km Weg.

Beim abendlichen Rundgang sehen wir an einer Laterne ein „Doppelzeichen“: hier kreuzen sich Jakobsweg und Via Francigena und wir könnten uns entscheiden, ob wir weiter nach Rom oder nach Santiago möchten. Auf unserem weiteren Weg werden wir immer wieder gemeinsamen Symbolen wie Jacobus/Muschel oder Petrus/Schlüssel begegnen, die zeigen, dass diese beiden Pilgerwege über die Jahrhunderte miteinander verwoben bleiben.

In dieser Zeit waren wir vier Pilger fast immer alleine auf dem Weg und abends in den Herbergen, in denen es meist sowieso nicht mehr als 4 oder 6 Betten gibt. Wir konnten in aller Ruhe abends einfach vorbeikommen, oder manchmal auch vorher kurz anrufen, so war die Quartiersuche völlig unproblematisch. Unterwegs haben wir bisher nur 2 Radpilger nach Rom getroffen und einen jungen Mann von der Schweizergarde des Vatikan, der nach Beendigung seines Dienstes von dort zu Fuß in seine Heimat in der Schweiz wanderte.

Und ein Jahr später, am 29. 6. 2015, starten wir erneut zu viert wieder in Vercelli , nun wollen wir den langen Weg bis nach Rom unter die Füße nehmen. Es bleibt uns noch eine Woche in der Po-Ebene, was in diesem Jahr durch die extreme Hitze des Sommers schon sehr anstrengend wird. Deshalb Aufbruch morgens gegen 5 Uhr in den dann noch frischen Morgen hinein, ab 9 Uhr verteilt die Sonne schon ihre Hitze über den schattenlosen Feldern, gegen Mittag steigt die Temperatur auf unerträgliche 35-40 Grad. Wir versuchen  bis dahin, unsere Tagesetappe geschafft zu haben. Und doch gibt es intensive Erlebnisse: Bauern, die uns frisches Wasser anbieten, - eine Jugendgruppe, die uns, als wir an ihrem alten Bauernhof vorbeikommen, auf dem sie arbeiten, zum Essen einladen,   -  ein „persönlicher Pilgerempfang“  von Carlo in Tromello auf seinem rot-weiß-grünen-Via-Francigena-Fahrrad, mit dem er uns entgegenfährt, uns die Kirchen des Ortes erklärt und uns dann mitnimmt in seine Pilgerbar, wo er uns mit kühlen Getränken, Stickern, Informationen verwöhnt.   Ein besonderes Erlebnis ist das Übersetzen über den Po, an historischer Stelle, dem Transitus Padi, natürlich nicht wie Bischoff Sigeric mit Nachen oder Floß, sondern im flotten Motorboot des Fährmanns Danilo Pariso. Doch ist die jahrhundertalte Stele am Anleger dort noch zu sehen, und der frische Fahrtwind kühlt unsere erhitzen Gesichter.   Nach den auch diesmal einsamen Wegen ohne Mitpilger  freuen wir uns auf die pulsierenden Städte Pavia und Piacenza,  aber trotz reicher kultureller Höhepunkte wird uns der sommerliche Touristenstrom schnell zu viel, und gerne tauchen wir am nächsten Morgen wieder in die Stille des Weges ein.

Der Apennin

Jetzt, nach einer Woche Ebene mit Mais und Reis, erblicken wir am Horizont die ersten Hügel des Apennins. Gerne verlassen wir die zum Schluss doch etwas eintönigen Wege des Flachlandes, zuletzt auch viel auf asphaltierten Straßen,   und wandern in die Berge hinein, Richtung Cisa-Pass (1041m), den wir nach  5 Tagen erreichen. Leider ist die Hitzewelle immer noch nicht vorbei, das Thermometer erreicht Temperaturen bis 43 Grad. Deshalb scheinen uns vielleicht auch die vielen Steigungen und Abstiege besonders anstrengend: uns kommen diese Berge hier viel schwieriger vor wie bei der Alpenüberquerung. Aber die Ausblicke, vor allem bei den täglich erlebten Sonnenaufgängen, sind phänomenal. Lange und einsame Abschnitte über Hügel und Wälder sind dabei, zum Glück gibt es hier viele Quellen und Brunnen zum Erfrischen und Wasser nachfüllen. In einem kleinen Dorf begegnen wir Anne, einer Pilgerin, die von ihrer Heimat Belgien losgelaufen ist und ganz alleine bis nach Rom will, sie hat unseren Respekt! Nur zwei Tage und Abende treffen wir uns auf dem Weg, dann bleibt sie hinter uns, da sie regelmäßig Pausentage einlegt.

Faszinierend in dieser Landschaft sind die kleinen Dörfer, in denen die Zeit stehen geblieben scheint. Doch sind sie noch bewohnt und wir haben fröhliche Kontakte mit den Bewohnern: sie wollen wissen, woher wir kommen, wie weit wir noch laufen, sie verwöhnen uns mit frischem Obst und Wasser, einmal werden wir bei zwei sehr alten Schwestern liebevoll zum Kaffee in ihr Wohnzimmer eingeladen. Schade, dass wir das Italienisch nicht so gut beherrschen, um intensiver miteinander reden zu können.  Andere Dörfer liegen mit dicken Mauern bewehrt wie Adlerneste hoch oben auf den Bergkuppen, zu manchen führt der Pfad schweißtreibend hinauf – aber wir werden belohnt durch die besonderen Ein- und Ausblicke. Und endlich, ganz in der Ferne ein blauer Streifen: das Mittelmeer, die Bucht von La Spezia. Laut singend geht es den Berg hinab. Und drei Tage später stehen wir wirklich am Wasser, am Strand von Carrara! Wir haben es bis hierhin geschafft: vom Genfer See bis ans Mittelmeer – da werden wir auch noch bis Rom kommen! Stolz genehmigen wir uns ein Bad zwischen all den Bikini-Nixen.

Durch die Toskana

Jetzt sind wir schon in der Toskana, die Landschaft hat sich geändert, Mittelmeer-Flora mit Pinien, duftenden Sträuchern, vielen Blumen und hinter uns der durchwanderte Apennin mit seinen weißglänzenden Marmorsteinbrüchen von Carrara, zum Teil jetzt dicht besiedeltes Gebiet, immer wieder Asphaltstraßen und weniger kleine Pfade. Wir durchqueren die berühmten Städte Lucca, dann San Gimignano, Perlen der Toskana, auf die wir uns freuen, die uns dann aber doch wegen ihrer Menschenansammlungen anstrengen.

So sind es eher die kleinen, unbekannten Orte, in denen wir uns wohler fühlen und freundlich aufgenommen werden und wo wir auch viele Kostbarkeiten entdecken können. Wie gut, dass wir früher schon mit dem Auto in der Toskana waren und die großen Städte besucht haben. So fühlen wir uns den Sehenswürdigkeiten nicht verpflichtet, sondern können in aller Ruhe unsere Pilger-Wegerfahrungen wirken lassen.

Die Tage vor Siena sind typisch toskanisch:  sanft geschwungene Hügel, erste herrschaftliche Weingüter mit grünen Weinfeldern (auf angebotene Weinproben schon früh am Morgen verzichten wir lieber!), und die schlanken, fast schattenlosen Zypressen, die sich in geometrischen Formen die Hügel auf und ab ziehen. Hier treffen wir auch zwei deutsche Pilger, Alois und Siegbert, beide von Bayern losgewandert, und wir freuen uns, in ihnen Pilgerfreunde gefunden haben, die wir in den nächsten Wochen immer wieder auf dem Weg und in den Herbergen treffen und die sogar mit uns in Rom einlaufen werden.

In Siena machen wir unseren ersten und einzigen Pausentag, um Zeit für diese besondere Stadt zu haben, mit der berühmten Piazza del Campo und dem Duomo, dessen Marmorfassade wir bewegt bestaunen. Und auch sein Inneres mit den schwarz-weißen Marmorsäulen und den Hunderten von Fußbodenmosaiken über Geschichten aus der Bibel nimmt uns fast den Atem. Wie gut, dass wir an einer Morgenmesse in einer kleinen Seitenkapelle teilnehmen können, bevor die Touristenwelle diese Hallen überschwemmt. Und am Abend feiern wir mit den Italienern in den engen Straßen der Altsstadt.

An diesem Ort verlassen uns leider unsere französischen Pilgerfreunde, ihnen hat die immer noch andauernde Hitze zu sehr zugesetzt. Sie wollen die noch verbleibenden zwei Wochen bis Rom im kühleren Herbst gehen. So wandern wir nur zu zweit mit der aufsteigenden Sonne durch die Porta Romana unserem nicht mehr so fernen Ziel entgegen.

Die Toskana umfängt uns mit all ihrer Schönheit, aber auch Herbe und Einsamkeit: es gibt Etappen, da durchqueren wir den ganzen Tag lang kein einziges Dorf, nur schattenlose, braun verdorrte Hügel auf und ab, durchbrochen durch Zypressenreihen und Olivenbäume. Ab und zu vereinzelte Höfe, in denen wir um Wasser bitten müssen, da es Brunnen und Wasserstellen hier gar nicht mehr gibt. Aber so kommen wir zu mehreren freundlichen Begegnungen mit den hilfsbereiten italienischen Landwirten.

Und da die Sonne weiterhin gnadenlos vom Himmel brennt und die Etappen auf den staubigen Wegen lang sind, werden diese Tage wirklich zu einer Herausforderung, und wir wissen das Ankommen und Ausruhen in den kleinen Herbergen umso mehr zu schätzen. Erfrischung finden wir am Bolsena-See, dem größten italienischen Vulkansee. Wie herrlich, sich im Wasser abzukühlen und grüne Vegetation zu sehen.

Die letzten Tage vor Rom wird die Landschaft wieder flacher, wir wandern mitten durch silbrig glänzende Olivenhaine und endlose Haselnuss-Plantagen. Zweimal müssen wir vor einem kräftigen Gewitterguss in einen Unterschlupf flüchten, der einzige Regen in diesen 5 Wochen. Wie herrlich hinterher die Frische und der Duft der feuchten Natur!

Rom

Und dann stehen wir am 3. August nach 37 Tagen und 840 km Pilgern auf dem Monte Mario, blicken hinunter auf die heilige Stadt Rom mit der beeindruckenden Kuppel des Petersdomes direkt unter uns (viel näher dran als der Blick vom Monte Gozo auf die Kathedrale von Santiago). Ein sehr bewegender Moment! Nun nur noch wenige Kilometer, in denen wir uns dem Zentrum nähern, deutlich zu spüren an den dichter werdenden Auto- und Personenmassen, und dann sind wir endlich auf dem Petersplatz, überwältigt von diesen Dimensionen und der Freude unseres Ankommens. Wir haben es geschafft!

Aber doch ist es ein völlig anderes Ankommen als in Santiago, wo sich die Pilger wiederfinden und gegenseitig in die Arme fallen, lange in kleinen Gruppen auf dem Boden vor der Kathedrale sitzen, Pilgergemeinschaft eben, …… Wir sind heute die einzigen Fußpilger hier (im Jahr kommen nur wenige hundert Pilger zu Fuß in Rom an!).  Um uns herum Touristen aus aller Welt, die einzeln und in großen Gruppen den Platz bevölkern oder die sich in eine zwei Stunden lange Schlange in der prallen Sonne eingereiht haben, um durch die Sicherheitskontrollen in den Petersdom zu gelangen. Das müssten wir auch tun, es gibt keinen anderen Weg hinein, und das nach über 1000km zu Fuß auf den Wegen des christlichen Glaubens hier in sein Zentrum. Aber wir schaffen das in diesem Moment nicht…..

So kümmern wir uns erst einmal um unser Testimonium, das Gegenstück zur  Compostela. Hierzu müssen wir uns in den Vatikan vorarbeiten, wo uns im Flur von einer Mitarbeiterin nicht sehr feierlich unsere Pilgerpässe abgenommen werden und nach einiger Warterei zusammen mit der Pilgerurkunde und einem knappen Händedruck wieder zurückgegeben werden. Das einzige „Pilger-Privileg“, das wir jetzt erfahren, ist ein Besuch des Petrus-Grabes in der Krypta des Domes, zu dem uns ein Bediensteter des Vatikans direkt hinführt. Wir haben 10 Minuten zu einem persönlichen Gebet und Dank für all das, was wir auf unserem Weg erlebt haben. Aber in den Petersdom direkt über uns dürfen wir von dort aus nicht. Anstellen in der Schlange draußen bitte!

Das machen wir aber erst am nächsten Tag. Obwohl es mit 8 Uhr noch früh am Morgen ist, gibt es schon eine Warteschlange,  und als wir dann endlich in dieser imposanten Kirche sind, brodelt es um uns herum schon von Stimmengewirr der hin- und herlaufenden, fotografierenden und redenden Menschen. Und überall dieser Reichtum und Prunk von Statuen, Gemälden, Mosaiken, Gold, Edelsteinen…. Diesmal erdrückt es mich fast, ich kann all die Kostbarkeiten im Moment nicht würdigen und bin den Tränen nahe. Es gibt in der Haupthalle keine Bestuhlung und somit keinen Ort zum Innehalten, und in den Seitenkapellen, die abgesperrt sind, werden private Messen in den unterschiedlichsten Sprachen abgehalten. Erst nachdem ich einem „Wächter“ meinen Pilgerausweis unter die Nase halte, lässt er mich durch und ich finde für die Zeit einer kurzen holländischen Messe etwas Ruhe und auch Besinnung auf unseren durchlebten Weg. Was für ein Unterschied zu einer Pilgermesse in Santiago!

 Doch am Nachmittag besuchen wir die zweite Apostelkirche: die Basilika San Paolo fuori le Mura, weit draußen vor den Toren der Stadt. Und hier in der erhabenen, aber doch schlichten Kirche, zu der nur wenige Menschen gefunden haben, kann ich in aller Stille meinen Pilgerweg auf der Via Francigena abschließen: wenige Stufen führen zum mich anrührenden Paulus-Grab hinab, ich danke auch diesem Apostel für die Wegbegleitung, so wie allen Menschen, deren Begegnung uns in den vergangenen Wochen weitergeholfen hat und natürlich unserem Herrn, der uns in allen Stunden beschützt und gestärkt hat.

Ein paar Worte noch zum Weg selbst und zu den Herbergen

Die Via Francigena ist meist sehr genau ausgeschildert mit unterschiedlichen Wegzeichen und gut beschrieben in den gängigen Pilgerführern. Es ist ein anstrengender Weg sowohl vom Höhenprofil wie von der Länge mancher Etappen. Wir fanden ihn schwieriger als die Jakobswege, die wir bisher gepilgert sind. Es ist ein oft sehr einsamer Weg, von der Wegführung her wie auch von den seltenen Begegnungen mit anderen Pilgern. Doch die Einheimischen sind von großer Freundlichkeit, Offenheit und Gastfreundschaft, und sie freuen sich über den Pilger, der „aus der großen, weiten Welt“ bei ihnen vorbei kommt. Und es ist ein Weg voller  Schönheit und Abwechslung, der vom Genfer See bis nach Rom durch die so unterschiedlichen Landschaften führt.

Es gibt genug Herbergen mit meistens weniger als 10 Betten, viele davon sind kommunal, etliche kirchlich und wenige privat. Leider waren es die Unterkünfte in den Klöstern, wo wir uns am wenigsten freundlich aufgenommen fühlten, wo wir den Eindruck hatten, dass es eher ums Geld als um spirituelle Betreuung ging, wo wir uns manchmal in vernachlässigten Zimmern wiederfanden. Das mag daran liegen, dass in manchen Klöstern kaum noch Mönche oder Nonnen leben, und die wenigen Alten, die es noch dort gibt, mit der Versorgung und Instandhaltung überfordert sind. Aber befremdlich schien es uns schon, dass gerade die Menschen aus katholischen Einrichtungen wenig Interesse an uns Pilgern zeigten, obwohl wir doch ins Zentrum der katholischen Kirche, nach Rom, unterwegs waren. Nur ein einziges Mal wurden in einer Messe (das war in der Abazzia San Caprasio in Aulla) die angekommenen Pilger begrüßt  und ihre Namen erwähnt.

Besonders loben muss ich aber an dieser Stelle die Herbergen, die persönlich geführt oder von privaten Organisationen unterstützt und gefördert wurden, wie die von den italienischen Jakobusfreunden. Hier wurden wir von freundlichen Hospitalieros empfangen,  „donativo“ mit Abendessen, Frühstück und vielen Informationen verwöhnt und fühlten uns wie früher auf dem Camino als Pilger anerkannt. Solche Herbergen fanden wir in Mortara, Cassio, Valpromaro, Abbadia Isola, Radifocani und in Rom im Stadtteil Trastevere.

Unser persönliches Fazit

Es war ein ganz besonderes Erlebnis, diese so vielfältige Via Francigena gehen zu dürfen, über abwechslungsreiche 52 Tage und 1040 km: verglichen mit vielen der Jakobswegen ist der Weg noch so ursprünglich und unverbraucht, ohne Gedränge und Überfüllung, erfüllt durch die Lebendigkeit und Liebenswürdigkeit der Italiener und die Schönheiten ihres faszinierenden Landes, allerdings auch mit wenig spirituell-geistlicher Begleitung und einer nur sehr kleinen, aber doch intensiven Pilgergemeinschaft . Die wenigen Mitpilger, die wir getroffen haben, übrigens alles schon erfahrene Jakobspilger, haben ähnliche Eindrücke gewonnen und sehen die Via Francigena als eine wunderschöne Alternative zu den Jakobswegen. Und es ist anzunehmen, dass in den nächsten Jahren mehr Menschen sich aufmachen werden, diesen Weg für sich zu entdecken.